Gewaltexzesse : Prügeln gegen das eigene Trauma

Was passiert im Kopf eines Gewalttäters? Die Diplomsozialpädagogin Rebecca Friedmann erklärt, wie es zu Gewaltexzessen kommt.

Ein 18-jähriger Schüler schlägt ohne ersichtlichen Grund brutal auf einen fremden Mann ein. Wie kommt es zu solchen Gewaltexzessen?

Niemand wird von heute auf morgen zum Gewalttäter. Es gibt eigentlich immer erhebliche biografische oder psychosoziale Belastungen im Hintergrund. In den meisten Fällen liegt die Ursache von Gewalt in der frühesten Kindheit.

Der 18-Jährige war vorher nie polizeilich aufgefallen. Zur Tatzeit hatte er allerdings Alkohol getrunken. Kann das eine Gewalttat erklären?

Alkohol enthemmt, aber das eigentliche Handlungsmotiv hat damit nichts zu tun. Es gibt Täter, die ein bestimmtes Ziel erreichen wollen und planvoll vorgehen, also darauf achten, dass sie beispielsweise nicht gefilmt werden. In diesem Fall handelt es sich aber wohl eher um einen Affektdurchbruch, also eine vollkommen unkontrolliert begangene Tat. Solche Täter sind affektiv stark erregt.

Was könnte die Ursache für eine Affekttat sein?

Es gibt Täter, die auf Provokationen reagieren. Die lassen häufig von ihrem Opfer ab, wenn es am Boden liegt und wehrlos ist. Andere Affekttäter sind traumatisiert, gehen mit einem dumpfen Groll durch die Stadt und treffen zufällig auf einen Menschen, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Solche Täter haben ein extrem negatives Selbstbild entwickelt, betrachten sich als völlig wertlos und übertragen dieses Bild auf ihr Opfer. Deshalb gibt es für solche Täter häufig kaum eine Hemmschwelle und sie lassen von ihrem Opfer nicht so schnell ab. In den Aussagen bei der Polizei sagen sie oft, sie hätten während der Tat gar nichts gefühlt oder neben sich gestanden. Viele erinnern sich auch nicht mehr an die Tat.

Warum sind es immer wieder junge Männer, die solche Taten begehen?

Bei den jugendlichen Intensivtätern, mit denen ich mich beruflich befasse, sind 90 Prozent männlich, aber die Mädchen holen auf. Dass Jungen die Statistik dominieren, hat auch mit hormonellen Umbrüchen in der Pubertät und der Sozialisation, also vor allem dem Elternhaus, zu tun. Der 18-Jährige soll aus einem intakten familiären Umfeld kommen, ist also ein völlig untypischer Fall.

Früher endeten Schlägereien, wenn das Opfer am Boden lag. Heute hat man das Gefühl, die Brutalität kennt keine Schranken mehr. Stimmt das?

Das ist eine falsche Wahrnehmung, die durch die intensive Berichterstattung zu erklären ist. Die Jugendkriminalität ist seit Jahren rückläufig. Brutale Übergriffe hat es auch schon früher gegeben.

Rebecca Friedmann (39) ist Diplomsozialpädagogin, engagiert sich in der Gewaltprävention und leitet ein Forschungsprojekt zum Thema Jugendgewalt. Die Fragen stellte Thomas Loy

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