Gewalttäter : Jung, brutal, aber kaum betreut

Drei Jugendliche wurden nach Raubzügen und Folter zu langer Haft verurteilt. Sie lebten in einem Weddinger Sozialprojekt, das auf Zwänge verzichtet.

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So gut wie allein zuhaus. Die jugendlichen Gewalttäter lebten in einem Weddinger Sozialprojekt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
So gut wie allein zuhaus. Die jugendlichen Gewalttäter lebten in einem Weddinger Sozialprojekt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die drei Jugendlichen hatten viel Freiheit in ihrer „Bude ohne Betreuung“. Sie nutzten sie für Raubzüge. Dabei schlug einer von ihnen eine 41 Jahre alte Frau fast tot. Das war Ende April. Tage später folterten zwei von ihnen ein Mädchen. Tatort war das Haus in Wedding, in dem das Jugendhilfeprojekt „Bude ohne Betreuung“ untergebracht ist.

Am Montag sind alle drei zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Im Haus von „Bude ohne Betreuung“, einem freien Träger der Jugendhilfe, sagt Vorstandsmitglied Hans-Peter Podzwadow- ski, man habe es mit Jugendlichen zu tun, die aus anderen Einrichtungen herausgeworfen wurden. Doch werde man nun „genauer nachfragen, wer kommt“.

Das wird das Opfer der drei, die Journalistin Susanne Leinemann, nicht trösten. In der jüngsten Ausgabe des „Zeit-Magazins“ hat Leinemann beschrieben, wie der Überfall abends kurz nach 23 Uhr in einer bürgerlichen Wilmersdorfer Straße ihr Leben verändert hat. Die 41-Jährige war mit einer Holzkeule ins Gesicht geschlagen und ausgeraubt worden. Über das Projekt „Bude ohne Betreuung“ schreibt sie, die Jugendlichen sollten laut Konzept über Einsamkeit und Langeweile ihre eigene „Strukturlosigkeit“ wahrnehmen, um dann das Bedürfnis nach einer Struktur zu entwickeln. „Tatsächlich entwickeln die drei in kürzester Zeit eine Struktur, eine schwerkriminelle.“

Nicht zum ersten Mal haben Jugendliche das Haus in der Adolfstraße als Basis für kriminelle Aktivitäten genutzt. Im Jahr 2003 überfiel eine Gruppe gleich zweimal einen hilflosen Rentner in der Nachbarschaft – man brauchte Geld. Eins der Mädchen, das an dem Überfall beteiligt war, wohnte in dem BoB-Haus. Es war mit einem stadtbekannten Intensivtäter befreundet. Damals war von einer „Betreuungslücke“ die Rede.

Vorstandsmitglied Hans-Peter Podzwadowski bestreitet nicht, dass die Sozialarbeiter im Haus es auch mit kriminellen Jugendlichen zu tun haben. Von den 148 Mädchen, Jungen und jungen Männern, die seit 1997 dort wohnten, hätten ein Drittel bis die Hälfte es geschafft, ihr Leben einigermaßen hinzubekommen. In der Umgebung des Hauses, einem ärmlichen Altbauviertel, gab es seitdem keinen Ärger mit den Jugendlichen aus den BoB-Wohnungen. Die seien „ganz friedlich“, sagt der Mann vom Kiosk an der Ecke. Und in einer Druckerei gegenüber sagt eine Mitarbeiterin, Ärger gebe es dort nicht. Die Operative Gruppe Jugendgewalt (OGJ) der Polizeidirektion 3 bestätigt das. Allerdings sagt OGJ-Ermittler Sascha Dierschke zum Konzept der Sozialarbeiter: „Auch eine Bude ohne Betreuung bedarf der niedrigschwelligen Betreuung.“

Bleiben die BoB-Sozialarbeiter zu weit im Hintergrund? Die Zurückhaltung bei Angeboten und Regeln, die zum BoB-Konzept gehört, begründet Podzwadowski mit den Einstellung der Jugendlichen, die in das Wohnprojekt kommen: Sie seien nicht fähig, auszudrücken, was sie wollten. Sie würden alles zurückweisen, was an sie herangetragen werde. Die Sozialarbeiter bekämen durchaus mit, was die Jugendlichen – im Haus gibt es vier kleine Wohnungen – täten und mit wem sie telefonierten. Bei Hinweisen auf kriminelle Aktionen wende man sich an die Polizei, so Podzwadowski.

Die Raubzüge der drei Jugendlichen sind den BoB-Mitarbeitern jedenfalls entgangen. Podzwadowski sieht allerdings bei der Justiz die Verantwortung dafür, dass die drei nach einer Festnahme nicht in U-Haft genommen wurden. Der Haftrichter habe sich nicht die Mühe gemacht, die Staatsanwaltschaft zu anderen Ermittlungsverfahren zu befragen.

Womöglich wären die drei besser in Wohnungen in einem geschlossenen Heim untergebracht gewesen. In Berlin wird es das so schnell nicht geben: In der Senatsjugendverwaltung prüfe man ein Konzept, sagt Sprecher Christian Walther. Für den rechtspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, Sven Rissmann, ist das ein weiterer Beweis dafür, dass der Senat bis zur Wahl keine Politik mehr machen will. Zur Einrichtung eines geschlossenen Heims „fehlt der politische Wille“.

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