Gewaltverbrechen : Die gefühlte Sicherheit in Berlin nimmt ab

Der totgetretene Jonny K. vom Alexanderplatz, die Schüsse in Schöneberg, der halb erdrosselte Hertha-Fan. Trotzdem sagen die Zahlen: Die Stadt ist sicher wie nie. Sind wir nur hysterisch? Nein, Zahlen sind einfach nicht alles.

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In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.Weitere Bilder anzeigen
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24.10.2012 18:04In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.

Beim Wetter hat man es längst akzeptiert: Die am Thermometer ablesbare Temperatur und die empfundene stimmen oft nicht überein. Weil der Empfindungshaushalt des Menschen komplex ist und von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Man hat außerdem akzeptiert, dass den Menschen die gemessene Temperatur weniger interessiert als die gefühlte, denn auf Letztere muss er sich einstellen, gegen die wappnet er sich mit entsprechender Kleidung.

Auch bei der Sicherheit gibt es diesen Zweiklang aus gemessener und gefühlter Lage. Aber hier wird das nicht akzeptiert.

Dem Gefühl, Gewalt, Gewaltbereitschaft, Brutalität breiteten sich aus wie ein Geschwür in dieser Stadt, wird allenthalben die Statistik entgegengehalten. Die ablesbare Zahl. 35 Mord- und Tötungsdelikte im Jahr 2011, die niedrigste Zahl seit 1993. Verrohung? Nicht messbar. Entwicklungstendenz: eindeutig positiv.

Die Statistik also sagt: Friert nicht! Es ist gar nicht so kalt. Und trotzdem will man sich den Schal vors Gesicht ziehen und sich schützen vor dem eisigen Wind – vor Verbrechen im öffentlichen Raum.

Der totgeschlagene Jonny K. vom Alexanderplatz. Die Schüsse auf einen 22-Jährigen in Schöneberg. Der behinderte Hertha-Fan, halb erdrosselt vorm S-Bahnhof Olympiastadion. Im Jahr zuvor die Frustattacke von Torben P. auf einen Handwerker im U-Bahnhof Friedrichstraße. Der aus einer Laune heraus ins Koma geprügelte 30-Jährige vom U-Bahnhof Lichtenberg.

Sicher: Das sind nur fünf Vorfälle. Sie sind schrecklich, aber sie sind nur fünf. Und das in einer Stadt, in der 3,5 Millionen Menschen leben. 5 zu 3.500.000 – das ist ja quasi nichts. Kein Grund also für gefühlte Unsicherheit?

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