Gewaltverbrechen in Berlin : So viel Gewalt in so kurzer Zeit

Bernd Matthies über gewaltsame Todesfälle – und was sie auslösen.

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Was früher noch verbal gelöst wurde, führt heute zu Gewalt.
Was früher noch verbal gelöst wurde, führt heute zu Gewalt.Foto: picture alliance / dpa

Fragen Sie nicht die Statistik, denn die gibt es nicht her. Mord und Totschlag sind in Berlin kein sehr großes Problem, die Zahlen liegen seit Jahrzehnten mit kleinen Schwankungen auf Abwärtskurs, und außerdem gilt die Weisheit des erfahrenen Ermittlers, der Täter und Motiv fast immer im familiären Kontext findet. Oder im kriminellen, wenn sich die Schurken gegenseitig an die Gurgel gehen.

Aber stimmt das noch? In den vergangenen Tagen und gerade am gestrigen Tag hat es in Berlin so viele Fälle gewaltsamen Todes gegeben, dass auch Abgebrühte langsam weich werden: Sind die da draußen alle verrückt geworden? Ein Artikel auf dieser Seite fasst zusammen, was alles passiert ist, und man wird zumindest ein wenig beunruhigt sein dürfen über die scheinbare Beiläufigkeit dieser Todesfälle, es wird erstochen und erschlagen.

Wahrscheinlich Beziehungstaten

Und das nicht nur hinter verschlossenen Türen oder an notorischen Brennpunkten, sondern auch an den Gartenzäunen biederer Stadtrandregionen: Am gestrigen Donnerstag wurde zunächst eine 19-Jährige tot am Höllentalweg in Waidmannslust gefunden, nicht weit von bürgerlichen Einfamilienhäusern. Später lag dann eine andere Frauenleiche in einer Wohnung am ebenso bürgerlichen Diakonieweg in Heiligensee.

Was bedeutet das? Die Wut ist groß, sie scheint zu wachsen. Und sie findet ihr Ventil offenbar anders als früher nicht mehr nur in Geschrei und Schlägen, sondern auch in Messerstichen und Knüppelschlägen, in Gewaltexzessen aus nichtigem Anlass. Vieles davon, wohl mehr als früher, geht auf Zuwanderer und Flüchtlinge zurück, die archaische Begriffe von Ehre und Loyalität mitgebracht haben – Vorstellungen, die uns fremd sind. Aber Pauschalisierungen sind unangebracht, denn die beiden aktuellen Fälle sind vermutlich Beziehungstaten, wie es sie in Berlin immer gegeben hat.

Die Sicherungen funktionieren nicht mehr

Fassen wir den aktuellen Stand zusammen: Berlin ist, nach wie vor, keine No-Go-Area. Die Wahrscheinlichkeit, als Unbeteiligter Opfer eines Verbrechens zu werden, ist signifikant geringer als in Detroit oder Johannesburg (aber wohl größer als in München oder Wien, was Politiker bedenken sollten). Gleichwohl wird ziemlich deutlich, dass an sich gefährliche Situationen heute gefährlicher sind als früher, weil die Sicherungen oben im Kopf häufiger nicht mehr funktionieren. Das ist beunruhigend.

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