Gewaltvideo : „Klare Regeln sind die beste Prävention“

Minderwertigkeitsgefühle führen schnell zu Gewalttaten, sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Und auch, was am ehesten geeignet ist, diese Gewaltexzesse zu unterbinden.

Susanne Grautmann
Das Video wurde auf einem Spielplatz im Kreuzberger Böcklerpark aufgenommen.
Das Video wurde auf einem Spielplatz im Kreuzberger Böcklerpark aufgenommen.Foto: Screenshot

Nimmt die Gewalt unter Jugendlichen zu?

Nein. Die Statistiken belegen, dass die Gewalt in den letzten zehn Jahren zurückgegangen ist. Gewalt wird in unserer Gesellschaft aber sehr stark geächtet und die Sensibilität dafür ist gestiegen. Deswegen finden Gewalttaten umso mehr Beachtung. Auch verbale und psychische Übergriffe werden heute mitgezählt.

Wie sieht es mit der Gewalt unter Mädchen aus?

Insgesamt ist körperliche Gewalt unter Mädchen seltener als unter Jungen. Die Zahl der körperlichen Auseinandersetzungen unter Mädchen ist aber tatsächlich leicht angestiegen.

Welche Rolle kann Schule für die Gewaltprävention spielen?

Die Schule ist der Ort, an dem man alles probieren muss, um Gewalt einzudämmen. Das effektivste Mittel zur Gewaltprävention sind klar definierte Regeln: Welche Art von Verhalten akzeptieren wir an unserer Schule, welche nicht? An der Erarbeitung solcher Regeln sollten die Schüler selbst mitarbeiten.

Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Die zweite große Chance für die Gewaltprävention ist Leistungsförderung. Minderwertigkeitsgefühle aufgrund von schlechten Leistungen können schnell zu kompensatorischen Gewalttaten führen. Durch die Gewaltausübung erfahren sich schulisch wenig erfolgreiche Schüler als mächtig, sie fühlen sich wahrgenommen und respektiert. Solchen Schülern muss man andere Angebote machen, damit sie ihr Selbstbewusstsein stärken können. Das können zum Beispiel auch Aufgaben in der Pause sein.

Wie steht es um die Medienpädagogik in den Schulen?

Medienpädagogik findet noch viel zu wenig Beachtung. Die Kluft zwischen der Lebensrealität der Schüler und dem, was in Schule vermittelt wird, ist noch zu groß. Man müsste ein solches Video, wenn es auftaucht, sofort gemeinsam mit den Schülern analysieren: Durch welche Mechanismen erzielt das Video Wirkung? Wie kann man so etwas verhindern? Die neuen Medien werden auch noch zu wenig im Unterricht eingesetzt. Die Schulen haben da Berührungsängste, weil sie nicht in die Unterhaltungssparte einsteigen wollen. Aber man muss Schülern vermitteln, wie sie kompetent mit dem Internet umgehen können. Sie müssen zum Beispiel einzuschätzen lernen, wie zuverlässig Informationen aus verschiedenen Quellen sind. Natürlich müsste es auch für die Lehrer mehr Fortbildungen zu dem Thema geben.

Klaus Hurrelmann ist Jugendforscher an der Hertie School of Governance. Mit ihm sprach Susanne Grautmann.

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