Berlin : Gewappnet wie 1957

Die Kongresshalle erhält historische Tafeln zurück Und wieder ist Künstlerin Wera Ostwaldt gefragt

Christian van Lessen

Leute von der Kongresshalle rufen an, ganz vorsichtig, als wollten sie gar nicht glauben, wen sie da an der Strippe haben. Nach so langer Zeit. Aber es ist wirklich Wera Ostwaldt. „Würden Sie das machen?“ Sie zögert nicht, übernimmt den Auftrag. Wie schon vor fast 50 Jahren. Wieder fertigt sie die Emaille-Wappen für die Gründungstafel der Kongresshalle. Wera Ostwaldt ist 80 Jahre alt.

Der Bundesadler geklaut, der Berliner Bär abgeschabt, der US-Seeadler gerupft: Die Tafel mit den Wappen der Geldgeber war kein Aushängeschild mehr. Nun, wo die Kongresshalle – das Haus der Kulturen der Welt – für ein Jahr wegen Renovierung geschlossen ist, wird auch die Gründungstafel für die Hauswand erneuert. Für Wera Ostwaldt ist das wie eine Zeitreise, „ein irres Gefühl“.

Wie stolz ist sie damals, den Auftrag für die Emaille-Arbeiten zu bekommen. Für die Kongresshalle – ein Symbol deutsch-amerikanischer Freundschaft, 1957 eröffnet. Die junge Frau hat gerade an der damaligen Hochschule der Künste fertig studiert, ist Meisterschülerin für Grafik. Aber sie liebt die Arbeit mit dem Schmelzglas und seinen Farben. Auf der Messe in Frankfurt am Main bietet sie Dosen, Schmuck, Schilder, Taufschalen an, alles aus Emaille. Sie kann sich vom verdienten Geld schon eine kleine Werkstatt leisten. Für die steinerne Gründungstafel der Kongresshalle formt sie die drei Wappen: Zwei Adler und den Bären. Bei der Grundsteinlegung sind Wera Ostwaldt und ihr Mann unter den Ehrengästen.

Auf geformten Kupferplatten Drähtchen ziehen, Schablonen ansetzen, die farbige Glasschicht auftragen, im Ofen brennen, dann matt schleifen – die neuen Wappen sind nun in der zweiten Version schon fertig. „Ich habe es gemacht wie damals, es hat nur ein wenig länger gedauert“, sagt Wera Ostwald in ihrer Zehlendorfer Werkstatt. Gut 14 Tage hat sie für jedes Wappen gebraucht. Dem Haus der Kulturen der Welt hat sie die Stücke schon ausgehändigt. Nun muss der Steinmetz ran, die neuen Wappen im Stein „einbetten“, der dann an der renovierten Kongresshalle angebracht wird. Im nächsten Jahr, wenn ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert wird, soll auch die Gründungstafel wie neu glänzen.

Die Adler und der Bär rufen Wera Ostwaldt vieles in Erinnerung. Die Ausstellungen damals, auf denen ihre EmailleStücke – Bilder, Schalen, Lampen – zu sehen sind. Etwa in New York, Toronto und Johannesburg. „Aber leben konnte man davon nicht“, sagt sie. Sie arbeitet viel mit Architekturbüros zusammen, entwirft beispielsweise Türklinken für das damals ebenfalls neue Hilton-Hotel an der Budapester Straße, heute Interconti.

Sie fertigt auch Arbeiten für Schiffe, etwa für die „Wappen von Hamburg.“ Vor gut 15 Jahren arbeitet sie monatelang auf Einladung in Moskau, dann in Riga, bereitet Ausstellungen vor. Besonders gern entwirft sie Lampen.

Sie gibt bis heute Emaille-Kurse an der Volkshochschule Steglitz-Zehlendorf, ihre Hörer formen Schalen und Bilder, die älteste Schülerin ist 86 Jahre alt.

Die Künstlerin glaubt an geerbtes Talent. Ihr Vater war der Kunstmaler Ewald Vetter. Die Familie zieht von München nach Berlin, als Wera Ostwaldt zehn Jahre alt ist. Ihre drei Töchter haben mit Kunst weniger im Sinn, der verstorbene Mann war Journalist.

Die Werkstatt im Haus ist für Wera Ostwaldt der Lebensmittelpunkt. Hier hat sie kürzlich bei der Untersuchung der alten, lädierten Wappen festgestellt, dass ihr vor gut 50 Jahren ein kleiner Fehler unterlaufen ist. Dem Berliner Bären fehlt zwar kein Zacken, aber ein Strich in der Krone. Keiner hat’s gemerkt. Beim zweiten Versuch nach 50 Jahren ist der Bär makellos.

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