Berlin : Gewichtig und gelenkig

Trotz barocker Figur ist der Neuköllner Stefan Seidel einer der besten Wasserball-Torhüter im Lande

Helen Ruwald

Der Mann ist Wasserballer des Jahres und schwärmt von der Konkurrenz. „Der beste Torwart spielt sicher bei Spandau“, sagt Stefan Seidel, die Nummer eins der SG Neukölln. Das Plus seines Spandauer Kollegen Alexander Tchigir: „Er wiegt 30 Kilo weniger als ich“, erzählt Seidel, der selbst nicht nur sehr lang, sondern auch sehr breit ist. Dass er zwei Meter groß ist, verrät er, das Gewicht nicht, „sonst lachen die Kollegen wieder. Und nach Weihnachten nehme ich etwas ab“. Tchigir sei nicht nur schlanker, sondern „er trainiert im Gegensatz zu mir auch zweimal am Tag. Vom Talent bin ich sicher nicht minderbemittelt“. Der Spandauer ist Profi, der Neuköllner Vermögensberater, der von einem Job als Sportreporter träumt. Tchigir wird Jahr für Jahr Meister, und genau deshalb, glaubt Neuköllns Trainer Frank Buchholz, ist Seidel Deutschlands Wasserballer des Jahres geworden. „In engen Spielen kann sich ein Torwart leichter auszeichnen“ – und enge Spiele gibt es für die dominierenden Spandauer selten, für Neukölln hingegen häufig. Und dann steht Seidel im Blickpunkt, so wie am Samstag, als die SG Neukölln nach vier Siegen die erste Niederlage in dieser Bundesligasaison einsteckte. 10:12 verlor das Team in der Sportschwimmhalle Schöneberg gegen Bayer Uerdingen.

Seidel freut sich über die Auszeichnung, die erhält, wer in einer Saison am häufigsten zum „Mann des Spiels“ gewählt wurde. Doch gleichzeitig wiegelt er ab: „Wenn man achtmal sehr gut hält und 20-mal schlecht, kommt man besser weg, als wenn man 28-mal gut spielt“, sagt der 27-Jährige, der als erster Ostdeutscher den Sprung in die Nationalmannschaft schaffte, über hundert Junioren - und 16 Länderspiele bestritt.

Er redet seinen eigenen Titel klein, und ärgert sich nicht, dass er, obwohl Wasserballer des Jahres, nicht mehr die klare Nummer eins im Tor ist: Bei der SG Neukölln, dem zweitgrößten Schwimmverein Deutschlands, geht es etwas anders zu als anderswo. Dazu passt auch, „dass wir Wasserballer trinken und rauchen können. Der Trainer hat nichts dagegen“, erzählt Seidel und zündet sich nach dem Training eine Zigarette an. Seit Saisonbeginn steht mal er und mal der auch sehr starke Igor Uchal im Tor, ein ehemaliger Spandauer, den es nach einem Jahr in Süddeutschland wieder nach Berlin zog. Seidel hat abgesegnet, dass ein Neuer kommt, „das ist kein echtes Drama wie im Fußball in so einer Situation. Ich bin beruflich eingespannt, und es kann sich immer jemand verletzen“. Und er selbst hat schließlich genug zu tun: Seidel ist Kapitän, bucht als Organisationswart die Reisen des Teams und pfeift Regionalligaspiele. Wenn Spieler sich laut über die Entscheidungen des Schiedsrichters Seidel aufregen, müssen sie keine Bestrafung befürchten. „Das sehe ich ganz entspannt. Ich bin als Torwart ein ziemlicher Hitzkopf und meckere oft gegenüber Schiedsrichtern“, erzählt er freimütig.

Spandau hat vor einigen Jahren versucht, ihn zu ködern, „die haben dreimal so viel Geld geboten“, erinnert sich Seidel. Er lehnte ab, entschied sich für seine Ausbildung und die Kumpels bei der SG Neukölln. Seinen Kollegen Alexander Tchigir beneidet er aber doch manchmal: dann nämlich, wenn beide Teams gegeneinander spielen. Und wenn Tchigir, wie im letzten Duell geschehen, acht Gegentore einsteckt – und Seidel 23.

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