Berlin : Gezähmte Katzen

Die Choreographin Gillian Lynne bringt der Berlin-Aufführung von „Cats“ die Originalität zurück. Sie feierte schon 1981 mit dem Musical Premiere

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Gestern ist Gillian Lynne ein Licht aufgegangen, aber so richtig. Extra aus London ist die berühmte Choreographin für eine Woche zum „Theater am Potsdamer Platz“ – so heißt das Stella-Musical-Theater nun – für die „Cats“-Proben eingeflogen worden. Dabei hat sie zum ersten Mal gemerkt, dass die Deutschen irgendwie immer noch nicht eins sind. Wenn sie ihnen – wie in den vergangenen Tagen – erzählt hat, dass sie bereits mit „Cats“ in Berlin war, und zwar 1987, dann schauten sie alle an, als verstünden sie die Welt nicht mehr. Klar, war ja auch an der Komischen Oper, damals zur 750-Jahr-Feier. Anscheinend hatte sie immer Westdeutschen die Geschichte erzählt, die dann fragende, irritierte Gesichter hinterließ.

„Und ich wunderte mich schon“, sagt sie mit britischem Akzent. „Scheint so, als merkt man immer noch, dass die Deutschen mal getrennt waren.“ Glänzendes, frisch enthülltes Brandenburger Tor hin oder her. Aber das soll nicht ihr Problem sein. Sie hat andere Aufgaben zu bewältigen. Gillian Lynne soll dem Musical wieder den „Original-Glanz“ verleihen. Wer könnte das besser als sie? Unter der Leitung der Star-Choreographin feierte „Cats“ 1981 im New London Theatre Premiere. Über Nacht wurde das Musical überragend erfolgreich. Ein Jahr später schaffte es den Weg über den Atlantik an den Broadway, wurde 1983 dort als Dauerbrenner mit sieben „Tony-Awards“ geradezu überschüttet.

Übersetzt in zehn Sprachen gastierte es in 300 Städten und 26 Ländern. Allein 20 000 Mal miauten die „Cats“ von 1986 bis 2000 in Hamburg, danach zog die Produktion für 555 Aufführungen nach Stuttgart um. Am 20. Oktober ist nun Berlin-Premiere. Aber nach so vielen Jahren und so vielen verschiedenen Menschen, die ihre Ideen in die Produktion eingebracht hätten, habe das Werk von Andrew Lloyd Webber im wahrsten Sinne des Wortes an Originalität verloren. „Alle Leute glauben, dass sie es besser können“, sagt die drahtige Frau, die ihr Alter nicht verraten mag, streng. Aber schließlich sei die Show unter ihrem Einfluss damals erfolgreich gewesen, deshalb könne es ja so falsch nicht sein, ihr für die Berlin-Premiere den letzten Schliff zu überlassen.

Das heißt eine Woche lang harte Arbeit. Selbst Tänzer, die glaubten, „Cats“ in- und auswendig zu kennen, sollen eines Besseren belehrt worden sein. Das Bühnenbild und Lichtdesign werden für die Berliner Produktion überarbeitet, Lynne behält sich auch Änderungen beim Text und Arrangement vor. Und so schwitzen die Künstler bei den Proben für eine Woche unter der Fuchtel der Altmeisterin noch mehr als sonst. Tanja Buntrock

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