Berlin : Gib mir Energie

Das Jahresessen der Berliner Pressekonferenz lieferte Einsichten von Vattenfall bis Fontane

Elisabeth Binder

Amerikaner sind ja immer solche Scherzkekse, die glauben, man müsse Reden mit vielen Anekdoten verzieren, damit die Leute sie aushalten. Und wenn es sie mal nach Deutschland verschlägt, dann stöhnen sie, weil die Reden hier oft nicht nur garantiert anekdotenfrei sind, sondern meistens auch ziemlich lang. Alle Amerikaner, die so denken, hätten eigentlich beim Jahresessen der Berliner Pressekonferenz dabei sein müssen, denn da hätten sie was lernen können.

Statt Amerikaner waren dabei (unter anderem): der israelische Botschafter Shimon Stein, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der Protokollchef im Bundespräsidialamt, Martin Löer, Schulsenator Klaus Böger, der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Nils Busch-Petersen, Herz-Spezialist Roland Hetzer und der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. All diese und zirka 200 weitere Gäste begrüßte der Vorsitzende der Berliner Pressekonferenz, Lutz Krieger, schon an der Treppe im Hotel Steigenberger.

Nachdem alle platziert waren und mit Lachsfilet an Zitronengrasspieß sowie Kürbiscremesuppe den ersten Hunger gestillt hatten und sich mit Chardonnay auf kommende Prüfungen vorbereitet hatten, kam der Höhepunkt. Die Reden.

Der Spruch, den Amerikaner hier lustig finden, heißt: „There is no such a thing as a free lunch.“ Was übertragen heißt: „Umsonst ist der Tod, aber nicht ein Abendessen im Steigenberger“. Also hielt der Präsident des schwedischen Unternehmens Vattenfall AB, Lars Göran Josefsson, seine dreißigminütige Rede über die „Zukunftsmodelle der Energieversorgung“. Es war tatsächlich kein Opfer, sie anzuhören, denn sie war voller interessanter Informationen. Zum Beispiel sagt die International Energy Agency für China bis 2030 einen Investitionsbedarf von 2,3 Milliarden Dollar voraus. Die werden vor allem für den Bau neuer Kernkraftwerke gebraucht. Weil zur Zeit ein Großteil des chinesischen Stroms noch in veralteten Kohleanlagen erzeugt wird. Weil die Berliner Pressekonferenz eine nette Organisation ist, gab’s die Rede sogar zum Mitnehmen, als Giveaway.

Das heißt also, die These der Amerikaner, dass man mit dem Anhören einer Rede fürs Essen teuer bezahlen muss, ist falsch. Hier konnte man nicht nur was lernen, hier gab es auch noch Anregungen. Und mehr. Aber dazu müssen wir noch vor dem Hauptgang (Kalbsrücken im Shiitakepilzmantel) und dem Dessert (Schwedische Mandeltorte) Lutz Krieger ans Mikro rufen.

Er erinnert daran, dass „Traditionen zu Dogmen der Bequemlichkeit werden“ können, beschwört die Wiederbegründung der Berliner Pressekonferenz im Jahr 1957 herauf und gibt seinen Gästen das eigentliche Geschenk des Abends mit auf den Weg. Es ist ein Zitat von Theodor Fontane, seinem Lebens-Begleiter, und es geht so: „Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber auch freilich das Werdende, denn eben dieses Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“

Bevor die Gäste anfangen, darüber nachzudenken, trinken sie im gegenüberliegenden Salon noch Bier. Auch so eine gute alte Tradition der Berliner Pressekonferenz.

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