Berlin : Gier nach Gere

Der Potsdamer Platz im Glanz der Filmfestspiele: So viele Stars auf einmal waren selten bei einer Berlinale-Eröffnung zu sehen

Andreas Conrad

O Anke, nein danke, musste das sein! Keine Pailletten – hatte der Dieter auf seiner ersten Pressekonferenz dieses Jahres das nicht noch mal ausdrücklich betont? Und was müssen wir sehen? Ein glitzernder Paillettenpanzer … nein, so kann man das nicht sagen, dafür schmiegt sich das Kleid doch an alle Rundungen zu perfekt an. Eher ein schillernder Meerestraum in jedem nur denkbaren Blau, sehr dekorativ anzusehen, aber wird es nicht wieder pfeifen und piepen wie letztes Jahr bei Corinna Harfouch, wenn sie mit den Metallschuppen ans Mikro kam?

Nun, es hat dann gestern Abend doch nicht gepiept im Berlinale-Palast. Anke Engelke war perfekt geerdet oder die Schuppen waren aus Plastik, wer weiß. Und moderiert hat sie die Eröffnung auch ganz prima, erst fast zurückhaltend, mit wohltemperiertem Charme, dann steigert sie zunehmend Tempo und Humordosis, fällt unversehens in leichtes Berlinern, gut geerdet auch hier – und parliert gleich wieder Englisch, als stände sie in Hollywood. Sponsoren? Werden leicht durch den Kakao gezogen und können sich doch nicht beklagen. Großpromis? Geraten ihr zu „offiziellen Nasen“, vorneweg der Regierende Bürgermeister, der die Lacher auf seiner Seite hat und sich prompt die Nase hält.

Doch, doch, das macht sie sehr gut, und auch Kulturstaatsministerin Christina Weiss hält eine erfreulich kurze, teilweise launige und dann wieder prägnante Eröffnungsrede. Ab nächstes Jahr solle die Deutsche Filmakademie die möglichen Gewinner des Deutschen Filmpreises nominieren und eine Jury aus früheren Preisträgern die Auswahl treffen, gibt sie bekannt und wünscht der Berlinale dann noch, dass es „ein Festival in Frieden“ werden möge. Großer Beifall.

Schon Berlinale-Chef Kosslick hatte das Zungenbrecher-Motto des Filmfests – „Towards Tolerance“ – noch mal allen Gästen ans Herz gelegt, nicht mit Pathos, sondern eben als Zungenbrecher. Und auch die zwei Demonstranten vor dem Kinopalast, die wacker ihr Transparent „We say no to the war against Irak“ im kalten Wind flattern ließen, verbanden dies mit einem freundlichen „Welcome to all“. Damit hielten sie zugleich eine fast verschüttete Westberliner Tradition wieder hoch: Ohne Demonstration, wogegen auch immer, war so eine Festivaleröffnung früher undenkbar.

Und noch eine Tradition wurde erhalten, eine junge, erst im Vorjahr, Kosslicks erstem, begründet. Die Geländer erhielten auch diesmla Weidenbündel zur Dekoration, geschmückt mit roten Amaryllisblüten, Dieters Liktorenbündel, wenn man so will. An ihren begannen gegen sieben die Gäste vorbeizuströmen. Ziemlich früh Mareike Carrière, die den Mantel trotz Kälte schon draußen abgestreift hatte, so war sie für die wartenden Fotografen schon am Eingang präpariert. Immerhin, sie hatte den Mantel noch dabei, anders als manche andere Schöne der Nacht, die das Dekolleté mutig der Winterkälte entgegenstemmte. Die Zellstoffindustrie dürfte in den nächsten Tagen von der Berlinale ziemlich profitieren.

Gewiss, die alten Bekannten. Sie dürfen nicht fehlen. Weder Vadim Glowna, noch Michael Gwisdek, schon gar nicht Artur Brauner, der ja auch mit einem Film beteiligt ist. Rosa von Praunheim tauchte mit üblicher Equipage auf, Wim Wenders, Peter Lilienthal, Katja Riemann und Bernd Eichinger. Der Produzent war mit Iris Berben gekommen, ein „Ich habe dich kürzlich in der Paris-Bar gar nicht erkannt“ flog ihr zu, woher auch immer, „Weil ich so schön war“, flog es scherzend zurück. Ein Festival der guten Laune.

Dann ein Auflauf, ein Zögern, Stoppen, eine Schlange, die sich nicht vorwärts bewegt, denn vorne bei den Fotografen steht Heidi. Heidi Klum! Dreht sich, wendet sich, blickt kokett über die Schulter, wirft das goldblonde Haar. Ein Profi, das ist nicht zu leugnen. Später auch Nina Hagen, Helmut Dietl, Daniel Brühl mit Jessica Schwarz, Peter Strieder, Rezzo Schlauch und Claudia Roth – alle, alle sind sie wieder da. Und selbst Superminister Wolfgang Clement ist gekommen, ein Nordrhein-Westfale im Exil wie Kosslick, der ihn denn auch später im Saal ausdrücklich begrüßt. Es sei froh, dass Clement ihm nach Berlin gefolgt sei.

Die Borers erscheinen und bekommen ihr Blitzlichtgewitter, merklich kürzer als früher, die schöne Shawne schon mit deutlich gerundetem Bauch. Aber weit heller flackert es bei der zweiten Schwangeren des Abends, Catherine Zeta-Jones, begleitet von Ehemann Michael Douglas – ein Raunen geht durch den Saal, als sein Kopf auf der Leinwand erscheint. Standing Ovations auch für die anderen „Chicago“-Stars, für Richard Gere, Renée Zellweger John C. Reilly und Regisseur Rob Marshall.

Noch jemand vergessen? Eine sich andeutende neue Tradition übersehen? Die Frau, die vor dem Eintreffen der Gäste den roten Teppich saugt. Daniela Bolt heißt sie, und sie tat das auch schon vor einem Jahr. Willkommen ihnen allen, willkommen!

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