Berlin : Gift in der Musikschule

80 Lehrern wurden Bluttest empfohlen. Bezirksamt Mitte unterließ es jahrelang, Mitarbeiter zu schützen

Susanne Vieth-Entus

Das Bezirksamt Mitte hat Lehrer der Musikschule in der Wallstraße jahrelang einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt, ohne die amtsärztlich empfohlenen Sicherheitsstandards einzuhalten. Rund 80 Lehrkräften wurde gestern nahe gelegt, sich heute einer Blut- und Urin-Untersuchung zu unterziehen, um mögliche Vergiftungen mit dem Krebs erregenden Stoff PCP und dem Nervengift DDT festzustellen. Das Bezirksamt war gestern fieberhaft bemüht, den Grund für die mangelnde Aufklärung der Mitarbeiter festzustellen. Es hatte aufgrund eines neuen Gutachtens vergangene Woche die Räumung des Gebäudes verfügt. Dem Gutachten vorausgegangen war die Besorgnis erregende Erkrankung eines Lehrers.

Nach Angaben des betroffenen Musiklehrers gegenüber dem Leiter der Musikschule, Jürgen Peters, wurden in seinem Blut dieselben Schadstoffe nachgewiesen wie in dem Gebäude. Zu der Blutuntersuchung kam es laut Peters auf Anraten des Hausarztes: Der war stutzig geworden, weil sich der Lehrer, ein Mittvierziger, plötzlich vier Zähne ziehen lassen musste: In ihren Wurzeln hatten sich Schadstoffe angesammelt. Im November meldeten sich vier weitere Lehrerinnen und Lehrer krank. Bei einer jungen Mutter von drei Kindern wurde eine schwere Krebserkrankung festgestellt.

Nach Angaben von Gesundheitsstadtrat Christian Hanke (SPD) hatte der amtsärztliche Dienst des Bezirks Mitte im Jahr 1998 „regelmäßige Untersuchungen der Musiklehrer“ empfohlen, um eine Gefährdung durch das im Dachstuhl der Musikschule vorhandene Holzschutzmittel Hylotox auszuschließen. Außerdem wurde festgelegt, dass die Räume in der Wallstraße speziell gereinigt werden müssten, um die Schadstoffbelastung zu minimieren. Auch sollten im oberen Stockwerk keine Polstermöbel aufgestellt werden, um die regelmäßige Schadstoffentfernung zu erleichtern.

Nach Angaben von Musiklehrern ist keine dieser drei Empfehlungen befolgt worden. „Wir wurden nie aufgefordert, an Untersuchungen teilzunehmen“, berichtet eine Musiklehrerin. Belastete Räume seien zudem mit Teppichboden ausgelegt, der nicht feucht gereinigt werden konnte. Auch auf Polstermöbel sei nicht verzichtet worden.

Bildungsstadträtin Dagmar Hänisch (SPD) bestätigte auf Anfrage, dass es keine Reihenuntersuchungen der Mitarbeiter gegeben habe. Warum diese amtsärztliche Empfehlung nicht befolgt wurde, konnte sie gestern nicht klären. Es habe nur direkt nach einem Gutachten von 1998 ärztliche Untersuchungen gegeben. Ob auch die Empfehlungen für die Reinigung der Räume ignoriert wurden, konnte Hänisch ebenfalls nicht sagen. Sie und ihr Kollege Hanke baten um Verständnis für die lange Dauer der Untersuchungen: Durch die Bezirksfusion hätten sich etliche Zuständigkeiten verändert. Der an den Zähnen erkranke Lehrer wartet dem Vernehmen nach seit August auf einen Termin bei der Amtsärztin.

Musikschulleiter Jürgen Peters wies gestern darauf hin, dass es im Laufe der Jahre immer wieder Schadstoffuntersuchungen gegeben habe. Allerdings seien die Gutachter nur danach gefragt worden, ob es für „Kurzzeitnutzer“ ein Risiko gebe. Nie sei danach gefragt worden, wie gefährlich der längere Aufenthalt in den Räumen ist. Immerhin arbeiteten die Musiklehrer bis zu acht Stunden pro Tag in dem Haus in der Wallstraße.

Auch Bildungsstadträtin Hänisch kann sich nicht erklären, warum nie nach den Langzeitnutzern gefragt wurde. Sie forderte erstmals Mitte November ein solches Ergänzungsgutachten an, woraufhin sie erfuhr, dass dieses nicht auf die Schnelle zu haben sei. „Da habe ich beschlossen, das Haus räumen zu lassen.“

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