• Giraffenaugen im Karton und eine Flusspferdhaut in der Tiefkühltruhe - Manfred Gräfe verschafft der Tierwelt ein zweites Leben im Museum

Berlin : Giraffenaugen im Karton und eine Flusspferdhaut in der Tiefkühltruhe - Manfred Gräfe verschafft der Tierwelt ein zweites Leben im Museum

Christoph Stollowsky

Wenn Manfred Gräfe über seine Arbeit spricht, klingt das manchmal recht schauerlich. Beschreibt er die extrem dünne Haut der Vögel, die zart ist wie Seidenpapier, so erklärt er zugleich: "Die ziehe ich behutsam ab wie einen umgestülpten Fingerhandschuh." Etliches bleibt dabei dran: Der Schädel samt Schnabel, die Flügel- und Beinknochen und das gesamte Federkleid. Die Muskeln allerdings muss er penibel entfernen. Während er redet hält der Präparator eine Amsel in der Hand, sie öffnet den Schnabel, als hätte sie beim Flöten ein Magier gebannt. Vom Regal an der Wand glotzt ein Frosch, nebenan ist ein Maulwurf vor seinem Hügel erstarrt, und in der Mitte des Raumes steht ein Wolf so nackt, als hätte man ihm das Fell über die Ohren gezogen - doch es verhält sich umgekehrt: Manfred Gräfe hat gerade begonnen, es naturgetreu über die handgefertigte Plastik des Körpers zu ziehen.

Gräfe ist ein Mann von Sachlichkeit. Und ein Naturfreund dazu, obwohl man ihn in seiner Werkstatt in Charlottenburg eher für einen Mr. Frankenstein halten könnte, der künstliche Tiere schafft. Aber das spricht ja durchaus für seine Kunst, die zugleich eine Wissenschaft und ein raffiniertes Handwerk ist. Schließlich gibt er jedem Tier, das nach dem Tod in seine Hände gerät, ein derart natürliches Aussehen, als hätte es ein zweites Leben im Museum begonnen.

Ein seltener Beruf in Berlin. Der vierzigjährige Zoologische Präparator hat nur im Museum für Naturkunde noch einige Kollegen sowie in Privatwerkstätten, die man an fünf Fingern abzählen kann. Gräfe selbst arbeitet für die Naturwissenschaftliche Sammlung der Stiftung Stadtmuseum Berlin an der Schloßstraße 69a - und dort befindet sich auch seine Werkstatt mit einem Depot voller Meisterstücke. Auf dem Boden ruht eine eineinhalb Meter lange Galapagos-Schildkröte, vor dem Fenster macht ein Eisbär Männchen, in der Vitrine liegen Krokodil und Rehwild friedlich nebeneinander, unterm Neonlicht schwebt ein Riesengleithörnchen und eine Pythonhaut ist im Regal wie ein Teppich aufgerollt. Außerdem gibt es im Depot noch drei Kühltruhen. Sie enthalten einen tiefgefrorenen Kleintierzoo, der aus Berlins Tiergärten, von Jägern und Naturfreunden bestückt wird. Jüngst sollte Gräfe für eine Ausstellung einen Fuchs und einen Hasen liefern. Kein Problem. Er taute beide Tiere auf und begann mit der Arbeit.

Anfangs ist das eine mathematische Angelegenheit, weil der Präparator den Körper exakt vermisst. Dabei ist das Tier schon abgehäutet, denn Häute und Felle werden in der Regel sofort nach dem Tode sorgfältig abgezogen und zur Gerberei gebracht. "An solchen Fellen müssen wir vieles dran lassen, was die Pelzindustrie abschneidet", sagt Gräfe. Zum Beispiel die Lippen, die Augenlieder, die Gehörgänge oder die gesamten Pfote samt Ballen.

Nun baut er im nächsten Arbeitsschritt ein "zweidimensionales Profilbrett". Einen Fuchs als grobes Holzgerüst, aber schon in typischer Position beim Schnüffeln oder Anschleichen. Der Kopf allerdings ist nicht aus Holz, hier wird der Schädel auf den Bretterhals gesetzt, weil jedes Tier einen unverwechselbaren Gesichtsausdruck hat. "Persönlichkeit", sagt Gräfe, "lässt sich nicht ausmessen". Auch die Knochen der Läufe fügt er ins Holzmodell ein, er erkennt daran, wo die Muskeln ansetzen und kann sich deren Gestalt besser vorstellen.

Jetzt greift der Präparator zum Ton und lässt das Holztier darunter verschwinden. Rundherum modelliert er den Körper, dabei helfen ihm die Maße, die Vorgaben der Knochen, anatomisches Wissen und das Talent, genau hinzuschauen. Denn Manfred Gräfe hat die Tiergestalten in sich aufgenommen. Er beobachtet sie oft stundenlang im Zoo, in freier Natur oder in Filmen. Das hilft ihm auch bei großen Tieren, die in keine Kühltruhe passen. Von ihnen erhält er oft nicht mehr als den Balg. In solchen Fällen misst er die "Kleidung" der Tiere aus und schafft dann freihändig eine Plastik.

Hat Gräfe die letzte Tonerde verstrichen, folgt eine Prozedur wie beim Guss einer Metallskulptur. Die Tonfigur ist dabei nur eine Zwischenstation, sie wäre als späterer Tierkörper zu schwer und zerbrechlich. Deshalb streicht Gräfe jetzt eine dicke Schicht Gips auf den Ton, lässt ihn fest werden und löst die weiße Körperschale danach in mehreren Teilen ab. Nun hält er die Negativformen in der Hand. Er streicht ihr Inneres mit Lack aus, legt ein Polyestergewebe hinein und lässt es zur Positivform erhärten. Dann holt er die Schalen heraus und setzt sie wie ein Baukastenmodell zum Tierkörper zusammen.

Fertig ist der Kunststoff-Fuchs. Nun kleidet er ihn ins Fell seines Vorbildes. Eine tüftelige Arbeit. Der Balg muß feucht sein, damit er sich besser anpasst; alle Schnitte werden vernäht, dann wird er mit hunderten Nadeln und Klebstoff auf der Plastik befestigt, denn Leder zieht sich beim Trocknen zusammen. Unterdessen ist es Zeit für einen Blick in Manfred Gräfes Kartons mit künstlichen Zungen, Gebissen und Augen. "Hier", sagt er und nimmt zwei Glasaugen heraus, "die gehören zu einer Antilope. Sie haben ovale Pupillen." Daneben liegen Katzenaugen und das Geschau des Gibbonaffen. Sogar Giraffenaugen sind griffbereit, bestellt im Katalog für Präparatorenbedarf. Und natürlich gibt es auch die typischen Wolfsaugen mit runder Iris und Pupille.

Nur bei "Knautschke", dem riesigen Flusspferdbullen, der von 1943 bis 1988 im Zoologischen Garten lebte und Liebling des Publikums war, wurden die Augen per Sonderauftrag zu Lebzeiten in Glas nachgebildet. Dennoch ist der Promi unter den Zootieren längst nicht fertig präpariert, es gibt nur ein erstes Modell aus Gips und Draht. Eine Tonfigur wäre angesichts der Leibesfülle des Hippopotamus tonnenschwer geworden. Nun ist der Gipsknautschke im Märkischen Museum untergekommen und eine Bronzeskulptur steht vor dem Flusspferdhaus im Zoo. Den echten Bullen aber muss der Präparator noch schaffen. Immerhin liegt Knautschkes Flusspferdhaut schon bei ihm in der Tiefkühltruhe.

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