Berlin : Gisela Anders (Geb. 1922)

Sie interessiert sich nicht für Ideologen.

von

Die Horchstrategen von der Stasi mussten ihren Lauschangriff abbrechen. Gisela hatte an der Rezeption des Interhotels Neptun in Warnemünde so lange nach einem anderen Zimmer verlangt, bis sie ein anderes bekam. Das war keine Antistasistrategie, sondern Giselas eigenwilliger Charakter. Sie wollte Westfernsehen empfangen, und das ging nur in den Zimmern, die nach Westen wiesen. Eigentlich verlangte sie in jedem Urlaubshotel ein anderes Zimmer, weil sie ahnte, dass der Portier immer erst die schlechten Zimmer zu belegen versucht. Die guten belegen sich ja von selbst.

Im Neptun wohnten sie immer, wenn Gisela ihren Sohn sehen wollte, den aus erster Ehe, der in Rostock lebte. Der Sohn hatte mal einen Ausreiseantrag gestellt, seitdem waren seine privaten Unternehmungen für Mielkes Spitzel von höchster Wichtigkeit. Im Neptun hatten die Staatsschützer eine ganze Etage verwanzt, so heißt es. Die Stasi-Akte des Sohnes wuchs mit den Jahren auf mehr als 1000 Seiten. Ihre eigene Akte wollte Gisela gar nicht sehen. Von der Vergangenheit sollte nur das Schöne übrig bleiben. Das Schlimme war ja schon schlimm genug.

Schön waren die Kinder- und Jugendjahre, erzählt ihre jüngere Schwester. Gisela kam in Zittau zur Welt, später zog die Familie nach Großenhain, wo der Vater, Altphilologe, Oberstudienrat an einem Gymnasium wurde. Der Vater war Giselas ganzer Stolz. Ein kleiner, großherziger Mann, der seinen Töchtern nichts abschlagen konnte. Er spielte Cello und Klavier, gab Hausmusikabende und schrieb seine Dissertation über den „Faust“ auf Latein. Wie konnte so eine nur in die NSDAP eingetreten?

Irritiert bemerkten die Töchter, wie immer mehr Juden aus der Nachbarschaft verschwanden. Ein Arzt warf sich vor den Zug. Doch niemals wurde zu Hause darüber gesprochen. Als Hitlers Soldaten den Tod nach Russland trugen, zog Gisela nach Berlin, um Tänzerin zu werden. Sie war 20 und bildschön, mit vollendet geschwungenen Augenbrauen. Der Krieg war noch fern. Aber warum musste die mit einem Juden verheiratete Tante Agnes, die sie öfter besuchte, vom Vorder- ins Hinterhaus ziehen und hatte kaum etwas zu essen?

Gisela träumte. Und verkniff sich die vielen Fragen. Dann riss der Meniskus im Knie, und der große Traum vom Tanzen war zu Ende. Gisela ging zurück nach Hause, lernte einen Mann kennen und träumte nun bescheiden von einer eigenen Familie. Heirat, Kinder, alles lief nach Plan, doch bei einem Besuch in Zwickau wurde sie mit dem kleinen Sohn im Arm bei einem Bombenangriff verschüttet und knapp gerettet. Kurz vor Kriegsende musste ihr Mann an die Front, und Gisela hatte eine Fehlgeburt.

Eine schlimme Zeit begann, über die Gisela später das Schweigen breitete. 1946 wurde der Vater abgeholt und nach Buchenwald verschleppt, wo er drei Jahre später starb, ohne dass die Familie eine Nachricht erhielt.

Gisela lebte nun mit Mann und Kindern in Dessau. Es hätte doch noch klappen können, mit dem Traum vom Familienglück. Wären da nicht diese Liebschaften, die den Tatbestand des Ehebruchs erfüllten. Wessen Liebschaften? Natürlich seine, sagte Gisela.

Nach der Scheidung beginnt eine rastlose Odyssee. Gisela flüchtet 1959 mit der Tochter nach West-Berlin, wird nach Westdeutschland ausgeflogen, geht zur Schwester in Ravensburg, arbeitet als Verkäuferin, zieht weiter nach Helmstedt, zu einer Bekannten, arbeitet als Arzthelferin und lernt Helmut kennen, der mit Geld umgehen kann. Sie kann das nicht.

Helmstedt hat wenig Kultur und kein Opernhaus wie Dessau. Außerdem lebt die Tochter jetzt in West-Berlin, also zieht Gisela auch dorthin. In Ost-Berlin kann sie sich gut mit ihrem Sohn treffen. An den Wochenenden kommt Helmut zu Besuch, ein treuer Gefährte, neun Jahre jünger als sie. Pendeln zwischen Helmstedt und Berlin, zwischen West und Ost. Gisela interessiert sich nicht für Ideologien, allenfalls für den jüdischen Glauben. Sie trägt eine goldene Kette mit dem Davidstern. Eine Reminiszenz an Tante Agnes, vielleicht auch ein Mittel gegen das Gefühl der Schuld, weil sie im Land der Täter aufgewachsen ist.

Nach vielen Jahren wird der Sohn aus der DDR freigekauft. Dafür hat Gisela gekämpft. Dafür sind sie immer wieder ins Hotel Neptun gefahren. Sie lässt sich auch von Schikanen und Verhören nicht beirren. Die verbotene westliche Fernsehzeitschrift bleibt gut sichtbar im Auto liegen, wenn Gisela und Helmut die Grenze zur DDR passieren. Will sie provozieren? Helmut glaubt, sie habe einfach nicht einsehen wollen, was an einer TV-Zeitschrift systemgefährdend sein soll. „Sie hat immer offen gesagt, was sie dachte.“

2004 beginnt Giselas Leidensgeschichte mit einem Schlaganfall. Sechs Jahre lang wird sie von Helmut gepflegt, Tag und Nacht. Soll man darüber mehr schreiben? Sie hätte das nicht gewollt.

Helmut muss sich nun aufwändig durch Papiere und Briefe arbeiten, um zu erfahren, was Gisela vor seiner Zeit fühlte und dachte. Dabei entdeckt er auch das Scheidungsurteil, mit dem ein Richter ihre erste Ehe beendete. Nur leider ist der Umschlag verschlossen und in Giselas Handschrift mit einem deutlichen „tabu“ gekennzeichnet.

Gilt das auch posthum? Helmut ist sich nicht sicher.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben