• Gisela Dinkelacker war von 1954 bis 1958 Mannequin bei Heinz Oestergaard - Erinnerungen einer Berlinerin

Berlin : Gisela Dinkelacker war von 1954 bis 1958 Mannequin bei Heinz Oestergaard - Erinnerungen einer Berlinerin

Aufgeschrieben von S. Rehm

Wenn sich ein Jahrhundert neigt, haben Erinnerungen Konjunktur. Oft berichten die "Profis" der Geschichte: Politiker, Wissenschaftler, Künstler. In unserer Serie kommen Berlinerinnen und Berliner zu Wort, in deren persönlichen Erlebnissen sich die "große Geschichte" spiegelt.



Fotomodell ist heute ein Traumberuf, alle Mädchen wollen Model werden. Ich wollte eigentlich kein Mannequin werden. Nach der neunten Klasse ging ich von der Schule ab. Im Grunde ist es ein Wunder, dass ich überhaupt lesen und schreiben kann, denn im Krieg fiel ständig die Schule aus. Also begann ich eine Lehre als Industriekauffrau bei Hubertine Wahrlich in der Joachimstaler Straße. Ein Konfektionsbetrieb für Kleider.

Leider musste ich wegen eines kleinen Zwischenfalls die Firma wechseln. Hubertine Wahrlich hatte mich zur Hauptpost am Gleisdreieck geschickt. Die Pakete nach Westdeutschland mussten unbedingt noch den Poststempel vom Vortag bekommen. Ich sollte mit der U-Bahn nach Hause fahren, doch als ich die 35 Pakete abgeschickt hatte, war es schon nach zwei Uhr nachts. Die letzte Bahn war weg. Also bin ich gelaufen. Da hat mich die Polizei aufgegriffen, und weil ich erst 16 war, sorgte das Jugendamt dafür, dass ich den Lehrbetrieb wechseln musste. Das war 1954.

Dann kam ich zu Richard Becker in die Uhlandstraße, Mäntel und Kostüme. Ich fand das nicht schlimm, weil es mir dort viel besser gefallen hat. Nach der Lehre habe ich mich bei Heinz Oestergaard am Nollendorfplatz für eine Stelle im Versand vorgestellt. Heinz Oestergaard, Berlin W 30, Ahornstrasse 4, Fernruf: 245333. Die habe ich auch bekommen.

Ich erinnere mich noch, dass irgendwas mit irgendeiner Lieferung nicht in Ordnung war. Nach Aachen, für Appelrath & Küpper. Nach der Mittagspause waren meine Kommissionen umgeändert, ich rannte wütend zum Verkaufsleiter Heinz Günther und beschwerte mich. Der musterte mich und sagte: "Zieh mal das Kleid an." Eines der Mannequins war wegen Schwangerschaft ausgefallen und die Präsentation der neuen Kollektion stand bevor.

Jedenfalls passte ich wie geschaffen in das Modellkleid und führte bei der Presseschau 18 Kleider vor. Es war ein Albtraum, ich wollte das gar nicht. Ich hatte Angst und alle sagten, um Gottes willen, das Landei. Ich wohnte in Schmargendorf. Doch genau meine 18 Kleider wurden bei der Schau Herbst/Winter 1954 gekauft wie verrückt. Die Einkäufer der Modehäuser kannten mich noch von früher, von Richard Becker. Da hatte ich bei den Verkaufsshows immer Kaffee ausgeschenkt und den Aufzug bedient. Sie amüsierten sich, dass ich jetzt Mannequin war. Ab da war mir der Rückhalt des Verkaufsleiters gewiss.

Ein halbes Jahr arbeitete ich noch parallel, im Vertrieb und bei den Vorführungen. Die Zeit habe ich genutzt, um noch ein wenig abzunehmen. 106 Pfund habe ich gewogen, bei einer Größe von einem Meter dreiundsiebzig. Maß 91/58/89. Oestergaard mochte mich. Wenn er Kollektionen machte, wurde von den sechs festangestellten Mannequins meist ich ins Atelier gerufen. Dort stand ich dann bis weit nach Mitternacht und bekam Stoffbahnen um den Körper drapiert und Stecknadeln am Unterkleid festgesteckt. Seide, Satin, Chiffon, italienisches Leinen, Spitze. Er wollte immer sehen, "wie der Stoff fällt".

Jedes Jahr gab es zwei große Kollektionen, immer unter einem bestimmten Motto, "Black Forest", "Trapez", "Schwarz und Weiß". Dazu die sogenannten Nachmusterungen für die Zeit dazwischen. Im Frühjahr/Sommer 1955 brachte Oestergaard die "Torso-Linie" heraus. Sein Stil war verspielt, sehr feminin, mit Spitze, Stickereien oder Schleifen. Ich habe vorwiegend Kleider von ihm getragen. Mit jeder Kollektion ging es auf Reisen. Amsterdam, London, Wien, Paris. Zur Igedo, der großen Textil-Messe nach Düsseldorf.

Ich würde nicht sagen, dass es ein Traumberuf war. Wir haben wenig von den Städten gesehen. Erst saßen wir stundenlang beim Friseur, dann mussten wir nachschauen, ob die Kleider ordentlich angekommen waren und im Zweifel selbst bügeln. Die Modenschauen waren reiner Stress, zu jedem Kleid gehörten passende Schuhe, Handschuhe, Schmuck und Hut. Das Umziehen war eine Hetzerei, vor allem, wenn keine Anziehhilfe uns die Sachen reichte. Ein Vorteil war, dass wir Mannequins die Modelle sehr günstig kaufen konnten. Ein Oestergaardkleid kostete immerhin 400 Mark, soviel wie der Monatsverdienst einer Sekretärin. Wenn ich ein Kleid haben wollte, ließ ich es einfach ein wenig enger nähen, damit es den anderen nicht mehr passte.

Ich weiß nicht, ob ich berühmt war. Sicher, ich wurde viel fotografiert. Bei unseren Präsentationen wurde meist gefilmt, das wurde dann in der Wochenschau gezeigt. Fotos von mir waren sogar auf Titelbildern, von "Madame" oder "Vogue". Ich denke, dass "Giselle", wie ich genannt wurde, sehr viele Leute kannten. Doch wenn ich ungeschminkt in der U-Bahn saß, hat mich keiner angesprochen. Damals gab es noch keine Paparazzi, die den Leuten nachstellten. Man wusste nicht, wie ich privat aussehe.

Oft machten wir eine Privatschau, für Maria Schell, Conny Froboess oder Zarah Leander. Zsa Zsa Gabor kam einmal mit Curd Jürgens zum Kleideraussuchen. Sie wollte Cocktailkleider sehen mit möglichst tiefem Ausschnitt, obwohl mir ihr Dekolleté überhaupt nicht gefiel. Nach der Arbeit gingen wir Mannequins oft zum "Hühner Hugo", einem Stehimbiss in der Wilmersdorfer Straße, und haben ein halbes Hühnchen gegessen. Oder wir saßen in einem kleinen Café am Lehniner Platz. Dort spielten wir mit Nadja Tiller und Walter Giller oft "Chicago", ein Würfelspiel. Der Verlierer musste eine Runde Bommerlunder mit Pflaume bezahlen.

1958 gastierte die Firma Oestergaard auf einer Messe auf dem Stuttgarter Killesberg. In jeder Kollektion gab es zum Abschluss ein Brautkleid. Ich habe nie eines vorgeführt, nur damals in Stuttgart, als ich meinen Mann kennenlernte, den Sindelfinger Schuhfabrikanten Burkhardt Dinkelacker. Im November 1958 haben wir geheiratet, natürlich in einem traumhaften Oestergaard-Kleid, fast so schön wie das von Maria Schell. Wir hatten eine Schneiderin, eine wahre Künstlerin, die die Spitze mit ihren eigenen Haaren nähte, damit man die Nähte nicht sehen konnte. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Wir nannten sie "Pohlchen", in Tempelhof hatte sie ihr Atelier.

Kurze Zeit später ging es mit der Modefirma Oestergaard bergab, seit 1962 gibt es das berühmteste Konfektionshaus der fünfziger Jahre nicht mehr. Der Bau der Berliner Mauer hat Heinz Oestergaard das Genick gebrochen, denn die meisten Schneider waren im Osten. Ihm fehlten von heute auf morgen die besten Kräfte. Er musste seine Firma aufgeben, und für das Versandhaus Quelle arbeiten. Das hat ihn hart getroffen. Später entwarf er Vasen aus venezianischem Murano-Glas oder Teppiche für die Stuttgarter Firma Sabet und war Professor an der Fachhochschule für Design in Pforzheim.

Heinz Oestergaard lebt heute in Bad Reichenhall. Wir haben noch Kontakt. 1996 waren mein Mann und ich bei seinem 80. Geburtstag im Kronprinzenpalais eingeladen. Neulich rief er ganz aufgeregt an und sagte, Gisellchen, stell dir vor, der Lagerfeld, der entwirft jetzt auch für Quelle.

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