Berlin : Gisela Pukaß-Fritsch (Geb. 1936)

„Hallöchen! Das ist sensationell, dass du anrufst!“

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Sie ist da. Auch wenn man Catherine Deneuve sieht, blass und wahnsinnig in Polanskis „Ekel“; oder Judi Dench, kühl und vornehm, als „M“, Chefin von James Bond. Sie ist da mit ihrer Stimme. Der jugendlich hellen, der rauen, späten. Catherine Deneuve und Judi Dench auf Deutsch sind Gisela Pukaß-Fritsch.

Sie passt die Sätze nicht nur den Lippenbewegungen der Akteure an. Sie bewegt die Arme. Sie schließt die grünen Augen und öffnet sie wieder. Sie legt die Stirn in Falten und schüttelt die rotbraunen Haare. Sie spielt.

Zum ersten Mal hatte sie in Molières „Der eingebildete Kranke“ auf der Bühne gestanden, noch auf schmalen Aulabrettern, aber so überzeugend, dass die Lehrerin zu Giselas Mutter sagte: „Ihre Tochter sollte Schauspielerin werden.“

Die Familie hatte mit der Schauspielerei gar nichts zu tun. Die Mutter hütete die vier Kinder, von denen Gisela das jüngste war, die „Püppi“, die sich manchmal genierte, weil die Leute die weißhaarige Frau neben ihr für die Oma hielten. Der Vater war Fahrer bei der S-Bahn. Es war das Größte, wenn sie am Bahnhof Charlottenburg zu ihm in den Führerstand steigen und bis Nikolassee mitfahren durfte, in die feine Gegend, wo die Leute statt durch den Hinterhof durch einen Garten laufen, ehe sie vor der Eingangstür stehen.

Der Vater starb, da war Gisela zehn. Und so entschied die Mutter allein: „Gut, dann werde Schauspielerin.“ Sie bestand die Aufnahmeprüfung an der Fritz-Kirchhoff-Schule und bekam 1954, noch während der Lehrzeit, die Rolle der blasierten Prinzessin im Film „König Drosselbart.“ Immer umgab sie eine Schar von Freundinnen und ein Freund nannte sie „die Neuberin mit ihrer Truppe“ – nach Friederike Neuber, einer kühnen Schauspielerin des 18. Jahrhunderts.

1954 auch begegnete ihr Joachim Pukaß, ein Gymnasiast mit Schauspielambitionen. Am Schillertheater lief Thomas Wolfes „Herrenhaus“; für eine Ballszene wurden die beiden als tanzende Statisten einander zugeteilt. Sie wirbelten umher in ihren Südstaatenkostümen, dann verabschiedeten sie sich artig. Zwei, drei Mal noch trafen sie sich in den nächsten Jahren, er schaute sie an – und war nicht der Einzige –, wie sie lachte und sich die Haare aus dem Gesicht strich. Aber erst 1957 kamen sie richtig zusammen.

Gisela spielte am Renaissance-Theater, am Hansatheater, in Kassel und Recklinghausen. 1960 titelte die „Illustrierte Berliner Zeitschrift“: „Ein reizendes neues Gesicht im deutschen Film.“

1965 rief sie ihren Mann an: „Achim, wir sind schwanger.“ 1966 traten sie zusammen auf, in „Liiiebe“, einer Komödie, in der zwei Männer um eine Frau buhlen.

Nach den Vorstellungen feierte die Theatertruppe in den Kneipen, und manchmal zogen sie weiter, zu Gisela und Joachim an den Nikolassee. Eines Abends kam Joachim später, betrat das Haus und entdeckte seine schöne Frau auf dem Schoß des heftig verliebten Hellmuth Karasek. Er sah es ihr nach.

Ende der Siebziger nahmen die Theaterangebote ab. Aber andere Anfragen kamen, vor allem als Synchronsprecherin. Karla Kolumna, der ruhelosen Reporterin aus Bibi Blocksberg, gab sie ihre Stimme. An einem Nachmittag klingelte das Telefon: „Ja, Pukaß-Fritsch?“ Stille. „Hallo, wer ist denn da?“ Dann hörte sie eine Kinderstimme: „Sie klingen ja gar nicht wie Karla Kolumna!“ Und Gisela flötete in den Hörer: „Hallöchen! Das ist sensationell, dass du anrufst!“

33 Jahre sprach sie die Figur. Neben Fanny Ardant, der Mäusedame Bianca und Linda Evans im „Denver-Clan.“ Für den Film „Spanglish“, sie ist die Stimme von Cloris Leachman, erhielt sie 2006 den Deutschen Synchronpreis. Da war sie bereits krank, schon seit zwölf Jahren. Mehr als fünf hatten ihr die Ärzte nicht gegeben. Doch sie lebte. Liebte, lachte, rauchte, trank den spanischen Wein auf Ibiza, ihrer Insel, auf die sie zum ersten Mal mit Joachim fuhr, zu Zeiten, als es dort noch keinen Flughafen gab. Sie sprach, im April dieses Jahres, auf einem Krebskongress, sprach über die Therapien, die geglückten und die vergeblichen.

Am Ende von „Skyfall“, dem letzten James-Bond-Film, stirbt „M“. Sie liegt in den Armen von 007 und kann nicht weiter. Er schließt ihr die Augen und küsst ihre Stirn. „M“ wird wieder ein Mann sein, im nächsten James Bond. Wer auch sollte jetzt die deutsche Stimme von Judi Dench sein?

Für die Trauerfeier sollte Giselas Tochter ein Foto auswählen. Sie suchte in Kartons und Alben. Sie frage Freunde. Sie fand kein einziges Bild, auf dem ihre Mutter nicht lacht. Tatjana Wulfert

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