Berlin : Gitarren und Knarren

Vor 25 Jahren fand Pfingsten vor dem Reichstag ein Open-Air-Konzert statt Es wurde ein historischer Tag, weil sich hinter der Mauer was zusammenbraute.

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Blick gen Osten. Unzählige Fans kamen zum Konzert von Stars wie David Bowie auf die Wiese vor dem Reichstag. Auch im Osten der Stadt versammelten sich Jugendliche, um die Musik zu hören – bis die Volkspolizei einschritt. Foto: dpa/pa/Chris Hoffman
Blick gen Osten. Unzählige Fans kamen zum Konzert von Stars wie David Bowie auf die Wiese vor dem Reichstag. Auch im Osten der...Foto: picture alliance / Chris Hoffman

Pfingsten 1987 in Berlin: Im Westen wird gejubelt, im Osten geprügelt. Und das hat mit dem dreitägigen Rockkonzert vor dem Reichstagsgebäude zu tun, das nicht nur 75 000 Leute begeistert, sondern auch ungeahnte Wirkung entfaltet. Nach dem Konzert sieht die DDR mindestens so alt aus wie der Rasen auf dem Platz der Republik, aber der wird aufgefrischt.

Die Fans, die am 6. Juni mit Decken und Schlafsäcken die West-Wiese belagern, freuen sich auf David Bowie, die Eurhythmics und Genesis. Auf der anderen Seite der Mauer wollen ein paar hundert Jugendliche auch etwas von der herübertönenden Musik haben, einige Lautsprecher sind ja nach Osten ausgerichtet. Nur ist es mit dem Hörgenuss nicht weit her, denn die Wächter der „Staatsgrenze“ haben das Brandenburger Tor abgeriegelt. Da braut sich etwas zusammen. Am Schiffbauerdamm sind erste Rangeleien mit der Volkspolizei fällig, noch ehe es dunkelt ist und die Bands drüben spielen.

Unter den Linden bekunden Ost-Fans ihren Unwillen. Über Nacht werden aus Hunderten Tausende, aus Rock-Fans Demonstranten. Auch die Vopos und „Lederjacken“ von der Staatssicherheit erhalten Verstärkung. Am zweiten Tag steigern sich die Auseinandersetzungen, am dritten Tag erst recht.

Vopos kesseln die Leute ein, um sie in Nebenstraßen abzudrängen, wer nicht spurt, bezieht Dresche mit dem Schlagstock. Die Menge rebelliert in Sprechchören: „Bullenschweine“ – „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Mauer nicht!“ – „Gorbi, Gorbi!“ Und überhaupt: „Die Mauer muss weg!“ Flaschen fliegen durch die Gegend, die Würfe gelten der Staatsmacht. Zivile Trupps greifen einzelne Personen aus der Menge heraus und schleppen sie weg, es setzt Prügel.

Auch West-Journalisten werden gezielt angegriffen. Rabiate „Lederjacken“ rempeln sie um, entreißen ihnen Kameras und Mikrofone. Ein ARD-Kameramann wird so zusammengeschlagen, dass er zur Behandlung ins Krankenhaus muss. Dieser Punkt ruft nun die Bundesregierung auf den Plan. Bonns Ständiger Vertreter Hans-Otto Bräutigam wird im DDR-Außenministerium mit Protest gegen Misshandlungen und Behinderungen von Korrespondenten vorstellig, ein „eklatanter Verstoß“ gegen die Vereinbarung über die journalistischen Arbeitsmöglichkeiten. Nicht gleich der Ständige Vertreter der DDR, Ewald Moldt, aber doch der Gesandte Lother Glienke wird ins Kanzleramt zitiert.

Die DDR-Regierung leugnet die Vorgänge, die Ost-Presse schweigt sie tot. „Zwischenfälle“? Nichts als „Hirngespinste einiger westlicher Korrespondenten“, so die Nachrichtenagentur ADN. Das Einzige, was die DDR-Bürger später aus ihren Medien erfahren, ist, dass der Sprecher des Außenministeriums „entstellende Berichte der BRD-Medien“ über eine „Beeinträchtigung der Tätigkeit von BRD-Journalisten“ entschieden zurückwies. Sicher, die Polizei habe „einige Ruhestörer und Randalierer festgestellt, niemand ist verhaftet worden.“ Mit dem Wort „festgestellt“ werden vorläufige Festnahmen verschleiert. Mutmaßungen Ost-Berliner Regimekritiker reichen bis zu 300 Festnahmen.

Sogar weltweit schlägt die Sache Wellen. Ein Sprecher des Außenministeriums in Moskau zeigt sich über die Rufe nach dem Hoffnungsträger Gorbatschow keineswegs irritiert: „Darüber kann man sich nur freuen.“ Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher erörtert die Lage nach dem „brutalen Polizeieinsatz“ mit seinen westalliierten Kollegen beim Treffen der Nato-Außenminister. Na ja, die Mauer erzitterte, noch wankt sie nicht.

Udo Lindenberg, der 1983 im Palast der Republik auftreten durfte, schreibt einen Offenen Brief an das DDR-Staatsoberhaupt Erich Honecker: „Diese Kids sind keine Krawallisten und Randaleure, sie stehen genauso wie Du auf Rock ’n’ Roll und locker Draufsein. Den Trouble gab’s doch erst durch das hirnlose Vorgehen der Rudi-Ratlos-Gangs von der Vopo!“ Und daraus folgt: „Mikrofone statt Megaphone, Gitarren statt Knarren, Trommelstöcke statt Gummiknüppel.“

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