Berlin : Gläserne Spur zum Todesfahrer

Fahnder vergleichen Splitter aus der Kapuze der verunglückten Radlerin mit Kripo-Datenbank. Polizei: Die Zahl flüchtender Täter steigt

Jörn Hasselmann

„Alles andere bleibt liegen“, sagt Klaus-Dieter Michutta. Er ist Chef des Unfallfluchtkommandos der Polizeidirektion 5. Seine Leute setzen alles daran, denjenigen zu finden, der am Sonnabend in Friedrichshain eine Radfahrerin totgefahren hat und dann davongerast ist. In diesem Jahr muss immer häufiger „alles andere liegen bleiben“. Während 2002 nur zwei Fahrer nach einem tödlichen Unfall flüchtete, war es in diesem Jahr schon der siebte Fall: Der Verkehr wird brutaler, heißt es bei der Polizei. Doch die Fahnder sind siegesgewiss: 90 Prozent der Fahrerfluchtfälle mit tödlichem Ausgang werden aufgeklärt.

Zeugen zu der Fahrerflucht auf der Kreuzung Weidenweg/Straße der Pariser Kommune gibt es bislang nicht – kein Frühaufsteher oder Spätrückkehrer hat gesehen, wie die Krankenschwester auf dem Weg zur Arbeit frontal angefahren wurde. Peggy E. fuhr oft Rad, sie hatte helle batteriebetriebene Scheinwerfer und Rückleuchten an ihrem teuren Alu-Rad; zudem Reflektoren an der Regenkleidung – sie war gut zu erkennen.

Michuttas sechs Beamte setzen auf detektivische Feinarbeit. Selbst winzigste Teile haben sie in stundenlanger Arbeit vom Asphalt gelesen, um sie jetzt zu untersuchen. So wurden in der Kapuze der 29-Jährigen Peggy E. winzige Glassplitter gefunden – die Krankenschwester muss mit dem Kopf die Frontscheibe durchschlagen haben. Gestern hofften die Beamten kurzzeitig, die dazugehörige Scheibe gefunden zu haben. Am Nachmittag dann die Enttäuschung: Das im Container an der Pintschallee gefundene Glas stammt definitiv nicht von diesem Unfall.

Dennoch sind Splitter für die Fahnder eine große Hoffnung: Beim Bundeskriminalamt sind 42000 Glasmuster archiviert – seit 1988 werden dort Scheiben, Blinker und Spiegel gesammelt, und zwar von jedem Autotyp in Europa. In einigen Tagen soll die chemische Analyse der Kapuze des Opfers vorliegen – die Daten vergleicht der BKA-Computer dann mit der Datenbank. Etwa jede zweite dieser Abfragen ist erfolgreich. Noch viel besser sind Lackvergleiche. Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit werden Hersteller, Baujahr, Typ und Fabrikationsort ermittelt. In der BKA-Datei sind 38000 Muster gespeichert – ein roter Lack eines in Spanien gefertigten VW-Polos, Baujahr 1995, ist eben ein ganz anderes Rot als das an einem Mercedes 280, Baujahr 1986. Mit den Ergebnissen wird der Computer im Kraftfahrtbundesamt gefüttert – und der druckt eine Liste aller in Berlin zugelassenen Fahrzeuge aus. Die Besitzer bekommen dann Besuch von der Polizei.

Hauptkommissar Michutta hofft, dass die Kombination aus Lack- und Glasresten Marke, Typ und Baujahr eindeutig identifiziert. Doch das dauert. Solange gehen die Fahnder den 50 anderen Hinweisen aus der Bevölkerung nach, meist auf Fahrzeuge mit Beschädigungen. Das ist mühselig. Ein Hinweis bezog sich zum Beispiel auf ein Auto mit eingeschlagener Frontscheibe und Brandenburger Umlandkennzeichen. Der Computer spuckte 20 Fahrzeuge aus, auf die die Angaben dieses Zeugen zutreffen. Die Besitzer dieser Wagen besucht die Polizei gerade.

Von den sieben Fluchten nach tödlichen Unfällen wurden vier aufgeklärt – die Täter stellten sich, zum Beispiel nachdem sie ausgenüchtert waren – oder sie waren so naiv, dass sie ihr beschädigtes Fahrzeug vor der Tür stehen ließen. Zwei Fälle werden wohl nie geklärt: In ausgebremsten Bussen stürzten Fahrgäste und verletzten sich tödlich. Dort gab es keine Unfallspuren – und deshalb gibt es kaum Hoffnung auf Aufklärung.

Hinweise unter Tel.: 4664-33 316

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