Berlin : Glanz ist das Gebot der Stunde

Elisabeth Binder

Taubenstr. 30 in Mitte, Tel. 20453501, geöffnet tägl. von 11.30 Uhr bis ein Uhr nachtsElisabeth Binder

Die Brasserie am Gendarmenmarkt ist nur ein weiteres Beispiel für all das viele Geld, das in diesen Jahren des Umbruchs in die Stadt fließt. Manchmal fragt man sich ja geradezu, wie wir Kellerkinder des Kalten Krieges das früher überhaupt ausgehalten haben in unseren schummrigen Kneipen (West) und den wie Waisenhauskantinen anmutenden Restaurants (Ost). Egal, die Ära der Lebensqualität hat längst begonnen, der Tag ist nicht mehr fern, an dem die dionysischen Götter das Leben in Frankreich zu kärglich finden und sich lieber ins üppig blühende Berlin begeben.

Einmal in der Brasserie angekommen, die noch so jung ist und schon so gut besetzt, ruhen sich unsere Blicke auf der glitzernden Bar aus, auf schweren Säulen und säulenartigen Lampen, auf getragenen Lichtkugeln, auf bequemen roten Fauteuils und gleichfarbigen, nicht ganz so bequemen Bänken, auf den wunschlos weiß gedeckten Tischen und den fröhlich flackernden Windlichtern.

Dass die Brasserie eigentlich die ärmere oder besser preiswertere Verwandte des Restaurants ist, heißt nicht viel im neuen Prunk-Berlin. Gediegener Glanz ist das Gebot der Stunde. Immerhin gibt es einen sehr ordentlichen Champagner für Appetit anregende 13 DM. Dass mein Begleiter sich trotzdem an Prosecco (7 DM) hielt, will ich mal als Trotzreaktion des altfeinen Blankenese gegen die neufeine Metropole werten.

Es gibt Weißbrot und Vollkornbrot und Kräuterquark dazu und eine Karte, die an Brauchbarkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Da werden Kleinigkeiten wie Eintöpfe und Flammekuchen für eilige Bundesbedienstete und weniger steinreiche Touristen angeboten, und für die neue Schicht der Connaisseure gibt es veritable Haupt- und Vorgerichte zu Preisen, wie sie im alten West-Berlin von den In-Restaurants gepflegt wurden.

Wir beginnen also mit den betont holzfreien Artischocken, angerichtet auf einem kleinen Salatbouquet und possierlich überdacht mit Schindeln aus leuchtend rotem Serrano-Schinken, hübsch und wohlschmeckend gleichermaßen (14,30 DM). Der Linsensalat, ganz erstaunlich hell und krautknackig ergänzt, musste nicht, wie ursprünglich vorgesehen, mit dem Kalbsbriesröschen verspeist werden. Wir wählten stattdessen aus den Salatbeilagen Scampi mit Pesto und Tomate aus, sehr schön, wenngleich sie mit einer kleinen Manschette versehen noch praktischer zu essen gewesen wären (19,80 DM).

Keinerlei logistische Probleme brachte das Lachsfilet mit sich, dafür eine köstlich krosse Kartoffelkruste, unter der es selig schlummerte auf der sahnigsten Noilly-Prat-Sauce, die ich seit langem probiert habe, da mochten die Sprossen und Lauchstreifen, die darin schwammen, noch so sehr Gesundheit predigen. Wie alles, was man mit dem Anflug eines schlechten Gewissens verspeist, sehr lecker (26,70 DM). Auch die Bandnudeln mit Auberginen, Tomaten, Paprika und Knoblauch waren so pikant al dente, wie man als Bandnudel nur sein kann, und sie offenbarten sogar das Geheimnis, was Serrano-Krabben sind; nämlich so Krustentiere, wie wir sie schon vom Linsensalat her kennen, diesmal allerdings mit Serrano-Schinken umwickelt (24,50 DM). Nehmen wir das mal als kleinen Protest des auf Bewährtes bauenden Blankenese gegen die vor Innovationen nur so sprühende Metropole, dass er den Schinken sorgfältig abwickelte und am Tellerrand aufbewahrte. Womit wir schon fast bei der Weinliste wären. Die ist doch ein bisschen sehr australienlastig, was mir nichts ausmacht, ich schätze australische Weine, aber so ein weltläufiger Wirt kann sich auf den Kopf stellen, er muss doch immer auch mit Protestaktionen aus dem weinmäßig eher europäisch orientierten Blankenese gegen den globalen Snobismus aufsteigender Metropolen rechnen. Wir tranken also einen Chardonnay aus der Bourgogne, was ja auch so schlecht nicht ist (46 DM).

Nachtisch gibt es von bodenständig (Quarkkrapfen) bis exotisch (Erdnussparfait mit Papayasauce), womit sich die Besucher aus so hochsoliden Burgen feiner Lebensart wie Blankenese und die neue Schicht der metropolitanen Naschzungen gleichermaßen umarmt fühlen dürfen, während die Unterzeichnende nun endlich vor einem Glas offenen australischen Rotweins sitzt und das tolle Bouquet genießt (8,50 DM). Noch ein Grappa plus Espresso für die Besucher aus der Provinz. Und dann auf zu neuen Abenteuern. Daran ist ja derzeit kein Mangel.

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