Berlin : Glasbauten: Durchblick ist alles

Christian van Lessen

Berlins Luft ist zu staubig, von nahen Baustellen weht sandiger Wind, und die Tauben klecksen ohnehin auf die Politik: Der berühmteste Glasbau der Stadt muss wieder einmal unters Wischleder, weil die Sicht immer schlechter wird. Besucher, die Berlin von der Glaskuppel des Reichstags aus betrachten wollten, haben das Nachsehen. Von Montag bis voraussichtlich Sonntag bleibt das markante Rund wegen Reinigung gesperrt. Die Bundestagsverwaltung hielt allerdings für alle, die unbedingt in der kommenden Woche emporsteigen wollen, einen schwachen Trost parat: "Auch von der Dachterrasse bietet sich ein schöner Blick!"

Zum drittenmal muss die Kuppel in diesem Jahr geputzt werden, zuletzt waren die Fenster im März und im Juni geputzt worden. Die Bundestagsverwaltung sah sich deshalb vor die Frage gestellt, ob der Glasbau in letzter Zeit nicht außergewöhnlich oft gereinigt werden müsse. Claudia Rehbein, eine Sprecherin des Bundestags, blätterte in ihrem Kuppelputzordner und stellte fest: "Alles ganz normal". Drei bis viermal im Jahr soll das Glas innen und außen gereinigt werden. Warum sich aber die Routine-Reinigungen nicht gleichmäßig aufs Jahr verteilen, sondern in den letzten Monaten häufen, konnte sie nicht sagen. Ein aktueller Sicht-Test brachte zwar passable Werte, aber für ein Parlament gelten offenbar strengere Regeln der Transparenz, und für die professionellen Gebäudereiniger ist die Kuppel sowieso längst grau, müsste eigentlich alle vier Wochen geputzt werden. Aber das ist eine Geldfrage. Was die Reinigung kostet, will keiner verraten, der Haushaltsausschuss soll bislang keine Bedenken geäußert haben. Zwei Berliner Reinigungsfirmen, zu einer Arbeitsgemeinschaft vereint, sind beauftragt, dem Parlament aufs Dach zu steigen, 14 Leute werden auf mehreren Arbeitsbühnen in zwei Schichten putzen, mit "Wischmäusen" zum Abziehen und Poliertüchern. Erst kurz vor Weihnachten will der Bundestag seine Kuppel erneut reinigen lassen, wenn nicht ein Sandsturm dazwischenkommt oder auch ein respektloser Vogelschwarm auf dem Weg nach Süden.

Vom Parlament der Putzteufel zu sprechen, wäre übertrieben. Andere putzen ihre Glaspaläste auch nicht öfter. Daimler-Chrysler hat für seine 19 Häuser am Potsdamer Platz ständig 20 Fensterputzer im Einsatz, die Erdgeschosse werden - wenn nötig - täglich gesäubert, höhere Etagen monatlich, noch weiter oben sind die Fensterputzer in der Regel weniger oft zu sehen, etwa viermal im Jahr - so wie die Reichstagskuppel.

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