Glatteis : Die ersten Ausrutscher des Winters

Gefrierender Regen ließ Fußgänger straucheln, Autos schlittern und legte den Flughafen Tegel lahm. Die S-Bahn strich ihren Fahrplan schon vorher zusammen. Die Bahn wird im Weihnachtsverkehr jeden zweiten ICE zwischen Berlin und München streichen.

Sandra Dassler,Stefan Jacobs
315602_0_97bb68c2.jpg
Rutschgefahr. Mit vorsichtigen Schritten überquerte eine Passantin am Dienstag den spiegelglatten Boulevard Unter den Linden,...dpa-Zentralbild

Die Händler in den Weihnachtsmarktbuden am Potsdamer Platz wissen es ganz genau: „Kurz vor elf ging das los“, sagt die Currywurstverkäuferin, „Da kamen hier einige Leute ins Rutschen.“ Der Grund war Blitzeis, das sich bildete, als der am Dienstagvormittag einsetzende Regen auf den gefrorenen Boden traf.

Während im Sony-Center gut gestreut war, wurde der Weg zu den gegenüberliegenden Arkaden zur Endloseisbahn. An der Kreuzung Voxstraße/Ludwig-Beck-Straße lehnten zwei Japaner entnervt an der Hauswand, bis ihnen ein älterer Herr empfahl: „Gehen sie auf die Hauptstraßen, die sind gelaugt.“

Tatsächlich machte das Blitzeis vor allem Fußgängern zu schaffen – auch weil die Streupflicht auf den Gehwegen lax gehandhabt wurde. Die Rettungsstellen mussten sich um mehr Knochenbrüche kümmern als sonst. „Bis 15 Uhr hatten wir 18 Patienten mit Sturzverletzungen, davon zehn mit Frakturen“, sagte Christian Träder, Chef der Rettungsstelle des Auguste-Viktoria-Klinikums Schöneberg.“

Zu Fuß war es auf jeden Fall gefährlicher als im Auto, meinte auch die Berliner Polizei, die zwischen 12 und 15 Uhr 83 Verkehrsunfälle registrierte, nur wenig mehr als an normalen Tagen. An der Ecke Bornholmer- / Seelower Straße rutschte ein Taxi in eine Tram, ein Auto schlitterte in ein Streufahrzeug, ein anderes Streufahrzeug geriet selbst ins Rutschen und schob einige parkende Autos zusammen. „Wir haben noch einmal Glück gehabt“, sagte ein Polizeisprecher, als die Regenfront am Nachmittag abgezogen war.

Weniger Glück hatten viele Reisende. So musste der Flughafen Tegel zwischen 11.30 Uhr und 12.30 Uhr totalgesperrt werden. Wegen Eisregens konnten eine Stunde lang keine Flugzeuge starten und landen. Auch vor der Schließung des Flughafens war es bereits zu Verspätungen gekommen – zum einen wegen der Ausfälle auf anderen Flughäfen wie Frankfurt am Main, zum anderen, weil die Maschinen vor dem Start enteist werden mussten.

In Schönefeld fielen seit Freitag rund 70 Easyjet-Flüge vor allem nach London und Mailand aus oder kamen erst nach stundenlangen Verzögerungen vom Boden weg. Aufgebrachte Fluggäste und Abfertiger gerieten auch gestern aneinander, es gab tumultartige Szenen. Passagiere fühlten sich nach ihrer Aussage von der Fluggesellschaft schlecht informiert und ohne jede Verpflegung sich selbst überlassen. Etliche Reisende übernachteten im Terminal. Verbraucherschützer rügten den „schlechten Service“. Easyjet war gestern Abend nicht zu erreichen.

Die Deutsche Bahn kündigte an, vom 23. bis 27. Dezember werde jeder zweite ICE zwischen Berlin und München gestrichen. Es gebe nur noch einen Zwei-Stunden-Takt. Grund sei die Kälte.

Der BVG hingegen machte der Eisregen nicht allzu sehr zu schaffen. Nur zwischen Olympiastadion und Ruhleben musste laut Sprecherin Heike Müller die U 2 ab 11 Uhr knapp eine Stunde lang unterbrochen werden, weil die Stromschiene auf der oberirdisch verlaufenden Trasse vereist war. Im Busverkehr habe es nur am ganz frühen Morgen sowie während des Eisregens „am Rand der Außenbezirke“ kleinere Verspätungen gegeben.

Im Gegensatz zur BVG hat die S-Bahn ihr Angebot am Dienstag wieder massiv eingeschränkt: Nur 324 Doppelwagen waren laut Verkehrsverbund im Einsatz – 44 weniger als noch am Montag und 230 weniger als für den regulären Fahrplan notwendig. Die Ursache ist eine Kombination aus winterbedingten Ausfällen und dem Dauerstau kontrollbedürftiger Waggons vor den Werkstätten. Dort müssen die S-Bahner auch zu Weihnachten klotzen, um den Notfahrplan zu retten. Der bedeutet, dass die Verstärkerzüge der S2 zwischen Potsdamer Platz und Lichtenrade ausfallen. Die S3 von Erkner endet schon am Ostbahnhof statt in Spandau, die Ringbahn fährt zur Stoßzeit nur alle zehn Minuten. Auf der S5 enden die Züge von Hoppegarten an der Warschauer Straße statt in Charlottenburg, auf der S75 fallen die Verstärker zwischen Warschauer Straße und Wartenberg aus, die Linie S9 von Schönefeld endet am Treptower Park statt in Blankenburg.

Nachdem das Eisenbahnbundesamt am Dienstagmorgen die S-Bahn fürs nächste Jahr gewissermaßen unter Bewährung gestellt hat, gab die Bahn am Abend eine Selbstverpflichtung gegenüber der Aufsichtsbehörde bekannt: Bis Mitte 2010 sollen alle kritischen Radsätze der Baureihe 481 ausgetauscht werden. Zuvor werden sie alle 14 Tage mit Wirbelstrommessungen auf Risse geprüft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben