Berlin : Glauben lernen

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VON TAG ZU TAG

David Ensikat widmet sich

noch einmal der Scheinheiligkeit

Man kann wohl sagen, dass die DDROffiziellen einen eher verkrampften Umgang mit dem Übernatürlichen pflegten. Ja schon, sie glaubten an den Kommunismus, und mit dem Osterhasen gab es auch keine Probleme. Aber beim Weihnachtsmann fing’s schon an. Ulbrichts Gedankenwächter entlarvten den Glauben an den Weihnachtsmann als konterrevolutionäre Irrlehre – recht zeitgemäß haben sie dabei weniger aufs Argument gesetzt, sie haben den wehrlosen, alten Mann ganz einfach verboten. Eine Errungenschaft des Aufstandes vom 17. Juni 1953 war neben den schönen Festakten im Westen die Rücknahme des Weihnachtsmannverbotes im Osten.

Viel mehr Liberalisierung auf dem Übersinnlichkeitssektor war aber nicht drin. Engel zum Beispiel gab es in der DDR bis zu ihrem Ende nicht. Im Erzgebirge durften die Traditionalisten zwar weiter welche schnitzen, die mussten sie aber als „Jahresendfiguren m.F.“ (mit Flügeln) verkaufen. Und wenn Lothar Bisky gestern seinen zankenden PDS-Genossen zurief: „Ich bin und werde kein Flügelmann!“, so ist das ein Ausweis dieser andauernden Verkrampfung.

Schön, dass der Kirchentag da Zeichen setzt. Die Gottesleute werden vor allem den Ostteil der Stadt besingen, hier finden die meisten Großveranstaltungen statt. Acht der elf orangenen Heliumringe, „Himmelstore“ genannt, werden im Osten schweben. Dass es sich hierbei offiziell nicht um Heiligenscheine handelt, haben wir schon gestern enthüllt. Aber das macht ja nichts, man muss das behutsam angehen. Sollen die Zweifler erstmal an Himmelstore glauben lernen.

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