Berlin : Glauben, ohne zu sehen

Heute zur Kommunion – und dann nie wieder in die Kirche?

Claudia Keller

Miriam, langes weißes Kleid, Blumenkränzchen im Haar, Kerze in der Hand, sagt, dass zur Kommunion gehen Spaß macht. Es gebe Geschenke, in den Vorbereitungsstunden wurde viel gespielt, gesungen und gebastelt. Miriam ist eines von 42 Kindern, die gerade in der Kirche St. Paulus in Moabit ihre Erstkommunion empfangen haben. Es ist kurz vor elf Uhr am „Weißen Sonntag“, dem ersten Sonntag nach Ostern. Miriams Wangen glühen, sie strahlt fürs Familienfoto.

Nächsten Sonntag werden es nur noch acht Kinder sein, die in den Gottesdienst kommen, prophezeit der Dominikanerpater Thomas Grießbach später in seiner Predigt, bald nur noch ein oder zwei. Statistiken besagen, dass der Glaube in unserer Gesellschaft „verdunste“, zugleich aber wachse täglich die Flut an religionspädagogischen Schriften. Sie versuchen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beizubringen, wie man glaubt. „Aber Jesus war kein Religionspädagoge“, sagt Grießbach. Und die Kirche versucht ihre Rolle auch neu zu bestimmen.

Die Lesung vor der Predigt handelte vom ungläubigen Thomas. Er ist einer der zwölf Jünger und der Prototyp des Wissenschaftlers, für den nur das existiert, was sich beweisen lässt. Deshalb konnte Thomas nicht glauben, dass der tote Jesus den anderen Jüngern erschienen war. „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich nicht meine Finger in seine Seite lege, glaube ich nicht“, soll Thomas laut Johannes-Evangelium gesagt haben. Da erscheint Jesus auch ihm und streckt ihm seine Hände als Beweis entgegen. Noch bevor Thomas die Wundmale sieht, stammelt er überwältigt „Mein Herr und mein Gott!“

„Jesus begegnet den Jüngern nicht mit Bastelbögen und Buntstiften“, interpretiert Pater Thomas die Erzählung, „sondern er spricht mit ihnen und berührt sie durch das Gespräch in ihrem Innersten.“ Die vielen Singles in Berlin würden auch keinen Partner finden, indem sie Pappherzen ausschneiden. Denn die Liebe lasse sich genauso wenig wie der Glaube erzwingen. Es sind Geschenke. Zuhören, nicht nur akustisch, sondern im Innern offen sein für das Gehörte, sei alles, was man tun könne. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus zum ungläubigen Thomas.

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