Berlin : Glaubenssache

Die Marienkirche zieht immer mehr Menschen an. Bei den Ideen der beiden Pfarrer ist das kein Wunder

Claudia Keller

Über 4000 Menschen drängten sich an Heiligabend in der Marienkirche in Mitte, 900 mehr als im Jahr zuvor. Was ist das für eine Kirche, die von Jahr zu Jahr mehr Menschen anzieht, nicht nur zu Weihnachten? Sicher, das mittelalterliche Gebäude ist in allen Touristenführern verzeichnet, und es ist zugleich die Predigtkirche von Landesbischof Wolfgang Huber. Aber das alleine ist es nicht.

Das Schöne ist, sagt eine junge Frau, dass man sich hier nie einsam fühlt, auch nicht an einem Sonntag, wenn vielleicht nur 80 Leute den Worten des Pfarrers lauschen. Das liege an den Kirchenbänken. Die Hälfte steht quer mit Blick zum Altar, die andere Hälfte längs mit Blick auf die Querreihen. So dass die Längs-Sitzer auf die Quer-Sitzer schauen und die Quer-Sitzer sich von links beobachtet wissen und alle sich wie eine Gemeinschaft fühlen, die zusammensitzt und nicht jeder für sich, hintereinander, wie sonst. Dass die Bänke so stehen, liegt daran, dass irgendwann die Kanzel einen anderen Platz bekam, aber nur die Hälfte der Bänke mitumgesetzt wurden.

Es könnte aber auch eine der vielen Ideen der beiden jungen Pfarrer sein, die die Gläubigen so anziehen. Sie wollen über die übliche Gemeindearbeit – Sonntagsgottesdienste, Hochzeiten und Taufen, Suppenküche und Seniorenkreis, Krankenhaus- und Gefängnisbesuche – Menschen aus der ganzen Stadt hierher locken. Zum Beispiel mit den Jobmessen-Gottesdiensten sonntagabends, zu denen sie Studenten eingeladen haben und Leute, die im Beruf stehen, damit die sich beim Empfang nachher kennen lernen. Oder die Predigtreihe zu den „verlorenen Wörtern“. Ab Februar wird es Gottesdienste zu „Lebensstufen“ geben, etwa zum Verliebtsein. Dafür suchen sie frisch verliebte Paare.

Mit solchen Ideen schaffen es Pfarrer Gregor Hohberg und Pfarrer Johannes Krug, 37 und 36 Jahre alt, dass St. Marien im Schatten des Fernsehturms wächst wie ein Organismus, wie ein Körper, der immer neue Arme bildet, die sich weit in die Stadt hinein ausbreiten. Zu den 1700 Gemeindemitgliedern kamen dieses Jahr 250 neue dazu, vergangenes Jahr waren es 190. Damit die neuen auch wissen, wo sie nun hingehören, werden sie von den Pfarrern persönlich begrüßt und zu einer kleinen Stadtführung eingeladen. Es sind viele Protestanten aus Westdeutschland darunter, die nach Mitte ziehen, wo es schick ist, meist Singles zwischen 30 und 45 Jahren. Dazu kommen die, die aus anderen Berliner Gemeinden hierher wechseln. „Die Dinge, um die es uns hier geht, werden wieder wichtiger“, sagt Hohberg. Menschen merkten, dass etwas fehle in ihrem Leben.

Ende des 13. Jahrhunderts, als die Kirche gebaut wurde und Gott noch selbstverständlicher Mittelpunkt im Leben war, mahnte der „Totentanz“ gleich am Eingang der Kirche, wohin die Reise geht. Heute ist die Malerei verblasst, wer das Kunstwerk nicht kennt, geht achtlos vorbei. „Jeder muss irgendwann mit dem Tod tanzen“, sagt Johannes Krug, „egal, wie wichtig er ist, Könige genauso wie Bettler.“

Vor ihm stehen an diesem Wintermorgen Neuntklässler aus einem Gymnasium in Rüdersdorf und hören still zu. Krug hat eine halbe Stunde Zeit, um den Jugendlichen eine Einführung ins Christentum zu geben. Die Kanzel, das Taufbecken, die Gefäße fürs Abendmahl. Dann noch eine Andacht, die Schüler setzen sich um den Altar herum auf den Boden. Ein Junge fragt, ob Gottesdienst immer so ablaufe, so mit auf den Boden setzen.

Die Marienkirche ist nicht nur eine christliche Insel inmitten einer weitgehend atheistischen Landschaft, sie ist auch eine Insel, auf die sich Menschen retten, die nicht mehr weiterwissen. Man merke, dass immer mehr Leute einsam sind und verarmen, sagt Krug, gerade hier, am Alexanderplatz. Denn das Gemeindegebiet erstreckt sich nicht nur nach Westen bis zum Hackeschen Markt, sondern auch nach Osten, wo es nicht schick ist. „Jedesmal, wenn wir durch die Kirche gehen, werden wir von einem verzweifelten Menschen angesprochen“, sagt Hohberg. „Denn von uns erwartet man, dass wir haben, was es immer seltener gibt: Zeit zum Zuhören.“

Im Kirchenschiff hört man jetzt sphärische Klänge, Brummen, Sirren. Der Künstler Michael Muschner hat Bibeltexte von den Pfarrern sprechen lassen und zu einer Klanginstallation verwoben. „Die Kunst“, sagt Johannes Krug, „soll in St. Marien nicht in der Barockzeit aufhören.“ Deshalb wollen sie den Kirchenraum fürs Zeitgenössische öffnen. Die Ehrenamtlichen, die kommen, um den Büchertisch zu betreuen, damit die Kirche jeden Tag mindestens von 10 bis 16 Uhr geöffnet sein kann, gefällt das nicht. Sie engagieren sich, weil sie stolz sind, dass die Kirche so ist, wie sie ist. Und so soll sie bleiben.

Einer droht sogar, nicht mehr kommen zu wollen, wenn die Installation bleibt. Das Brummen erinnert ihn an Bombennächte. Touristen würden sich fragen, ob es eine Baustelle gebe. Krug versucht zu vermitteln, man wird einen Kompromiss finden. Die Installation soll bis kommenden Advent bleiben, vielleicht nicht täglich. Mut machen, trösten und immer Neues ausprobieren, auch wenn Zweifel bleiben, Krug und Hohberg können sich keine schönere Aufgabe vorstellen. Alles andere wäre doch auch langweilig.

Der nächste Gottesdienst in St. Marien findet am 8. Januar um 10.30 Uhr statt. Anlass ist die Fusion mit der Kirchengemeinde St. Petri-Luisenstadt. Die Predigt des Festgottesdienstes hält Superintendent Lothar Wittkopf. Für die musikalische Umrahmung sorgen die Marienkantorei und der Chor der St.Petri-Gemeinde. Im Anschluss wird im Gemeindesaal St.Petri das Fusionsfest gefeiert.

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