Gleichberechtigung : Besser gebildet, schlechter bezahlt

Berlinerinnen haben trotz Fortschritten noch immer große Nachteile, wie die "Gender-Statistik" zeigt: Auffallend ist vor allem, dass Frauen trotz guter Ausbildung noch immer deutlich schlechtere berufliche Chancen haben als Männer.

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Das Bauchgefühl stimmt zwar oft, aber es ist eben nicht alles. Deshalb hat die Berliner Verwaltung unter Frauensenator Harald Wolf (Linke) jetzt gemeinsam mit dem Amt für Statistik den ersten Berliner „Gender-Datenreport“ veröffentlicht. In ihm sind auf knapp 100 Seiten erstmals umfassend die Zahlen zusammengestellt, die zeigen, wie es mit der Gleichberechtigung von Frau und Mann in Berlin steht. Kurz zusammengefasst: Besser als früher und nicht ganz so schlecht wie anderswo, aber alles in allem unerfreulich.

Auffallend ist vor allem, dass Frauen trotz guter Ausbildung noch immer deutlich schlechtere berufliche Chancen haben als Männer. Diese Erkenntnis lässt sich anhand des Lebenslaufes ableiten: Während an Haupt- und Sonderschulen die Jungen mit jeweils rund 60 Prozent Anteil an der Schülerschaft dominieren, sind an den Gymnasien die Mädchen mit 54 Prozent in der Mehrheit. Im Schuljahr 2007/08 beendeten 47 Prozent der Mädchen, aber nur 37 Prozent der Jungen ihre Schullaufbahn mit dem Abitur.

Dann beginnt der Trend zulasten der Frauen: Vier Jahre nach der allgemeinen Hochschulreife haben zwar 87 Prozent der Männer, aber nur 76 Prozent der Frauen tatsächlich ein Studium aufgenommen. Bei der Fachhochschulreife klafft eine noch größere Lücke: 72 Prozent der Männer nutzen den Abschluss, aber nur 41 Prozent der Frauen. Diese enorme Diskrepanz ist nach Auskunft von Ulrike Rockmann, Präsidentin des Amtes für Statistik, eine Berliner Besonderheit – und könnte beispielsweise Fragen nach Angebot und Struktur der Berliner Fachhochschulen aufwerfen.

Einmal an der Uni, studieren die Frauen mit einer Abbrecherquote von bundesweit 15 Prozent (Berliner Zahlen gibt es dafür laut Rockmann nicht) erfolgreicher als die Männer, deren Abbrecherquote bei 26 Prozent liegt.

Wer es dann endlich ganz nach oben geschafft hat, in die statistische „Leistungsgruppe 1“ mit den Spitzenverdienern, erhält als Mann in Berlin durchschnittlich 34,96 Euro brutto pro Stunde, als Frau dagegen nur 26,44 Euro. Macht 8,52 Euro Differenz pro Stunde und 20 000 Euro im Jahr. In den geringeren Einkommensklassen schrumpfen auch die Abstände zwischen Mann und Frau deutlich, aber im Mittel bleiben beim Stundenlohn mehr als drei Euro Differenz (Männer: 18,79 Euro, Frauen: 15,48 Euro). Bei den Sonderzahlungen, also Weihnachts- und Urlaubsgeld, erhalten Frauen sogar nur halb so viel wie Männer.

Doch das sind Luxusprobleme im Vergleich zur Situation vieler Alleinerziehender. Denn die haben die schlechtesten Chancen auf dem Arbeitsmarkt und das größte Armutsrisiko. Bei dieser Risikogruppe liegt die Frauenquote naturgemäß mit 90 Prozent besonders hoch.

Frauensenator Wolf will die Statistik zu weiterführenden Schlüssen nutzen – unter anderem bei einer Fachtagung im Sommer, die sich mit der Situation Alleinerziehender befassen und Konsequenzen erarbeiten soll. Parallel laufe noch bis 2011 ein gemeinsames Projekt mit der Wissenschaftsverwaltung. Bei den Professuren ist Berlin schon jetzt relativ erfolgreich: Jede vierte Professur haben Frauen inne – fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Bei den Promotionen (Frauenquote 2008: 46 Prozent, 2000: 38 Prozent) ist die Gleichberechtigung noch weiter.

Dass der Frauensenator ein Mann ist, wird an anderen Stellen der Landespolitik wettgemacht: Harald Wolf verweist auf vier Senatorinnen (von acht) sowie bundesweit vorbildliche 40 Prozent Frauen im Abgeordnetenhaus und 38 Prozent in den Bezirksverordnetenversammlungen.

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