Berlin : Gleitender Übergang

Architekt HG Merz braucht Zeit für die Staatsoper und zieht sich vom Umbau der alten Stabi zurück

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Neues hinterm Efeu. Der Umbau der alten Staatsbibliothek ist fast fertig. Foto: Rückeis
Neues hinterm Efeu. Der Umbau der alten Staatsbibliothek ist fast fertig. Foto: Rückeis

Der Architekt der Staatsbibliothek Unter den Linden habe „aufgegeben“, war dieser Tage zu hören. Von Konflikten war die Rede – zu sehen jedoch nichts: Die „lange Nacht der Bibliotheken“ am vergangenen Mittwoch gab der Öffentlichkeit Gelegenheit, den Komplettumbau der Staatsbibliothek (Stabi) in Augenschein zu nehmen. Von außen macht das mächtige Gebäude den Eindruck, als ginge es nur um Fassadenrenovierung. Im Inneren aber zeigt sich ein weitgehend neues Bauwerk in alter Hülle.

Kern des Neubaus ist der zentrale Lesesaal, der dem Haus endlich wieder eine räumliche und geistige Mitte zurückgeben wird – kein Kuppellesesaal, wie er 1943 im Bombenhagel ausbrannte, sondern ein kubischer Baukörper mit viel Tageslicht. Architekt des Um- und Neubaus der Stabi ist der Stuttgarter Architekt HG Merz. Der 63-jährige Schwabe hat bereits bei der Generalsanierung der Alten Nationalgalerie sein Können unter Beweis gestellt und ist derzeit mit der Totalsanierung der Staatsoper Unter den Linden betraut. Dieser Auftrag hat denn auch Merz bewogen, sich aus der Bauleitung der Staatsbibliothek zurückzuziehen. Er will sich ganz auf die enorme Herausforderung der Oper konzentrieren.

Die Bauleitung der Stabi ist bereits im Frühjahr an das Berliner Büro am Lützowplatz (BAL) übergegangen, das seit Jahren die Projektüberwachung Unter den Linden innehat, vertraglich gesehen als „Nachunternehmer“ des Büros Merz. Der Übergang der Projektsteuerung erfolge „kosten- und terminneutral“, wie der Sprecher des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Andreas Kübler, gestern erklärte.

An der künstlerischen Oberleitung von HG Merz ändert sich nichts. „Bei allen gestalterischen Fragen behält Merz das Sagen“, betonte Kübler. Das BBR ist Bauherr für die Vorhaben des Bundes. Dazu zählen die Projekte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unter deren Dach die Stabi als ehemals Preußische Staatsbibliothek angesiedelt ist. Zum Ausscheiden von Merz aus der Bauleitung verwies die Preußen-Stiftung selbst etwas schmallippig auf das Bundesamt als „Herrn des Verfahrens“. Stiftungssprecherin Stefanie Heinlein betonte zugleich, an der „hohen Wertschätzung für den Architekten“ habe der Vorgang „nichts geändert“.

„Baufertig“, so Kübler, soll der Lesesaal Ende des Jahres sein. Danach muss der gesamte Riesenbau während der Aufstellung der Bücherbestände rund drei Monate lang klimatisch „eingesteuert“ werden, bis der Lesesaal im kommenden Frühjahr eröffnet wird. Stabi-Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf hätte sich gewünscht, die Eröffnung des Herzstücks der 365 Millionen Euro teuren Sanierung zum 350. Jubiläum der ursprünglich Kurfürstlichen Bibliothek in diesem Jahr feiern zu können, führte aber die mehrjährigen Verzögerungen auf „übliche Schwierigkeiten“ zurück. So habe das „wunderbare Glas“ des Hauptlesesaals eine besondere Herstellungstechnik erfordert, zudem habe die Prüfung der von den bestehenden Baunormen abweichenden Aufhängung „unendlich lange“ gedauert. Merz sei jedenfalls „ein sehr guten Partner“ der Bibliothek.

Schon jetzt ist zu sehen, wie sich das Zusammenspiel von Alt und Neu, dem erstmals seit den Bombentreffern von 1943 grundlegend restauriertem Ursprungsbau Ernst von Ihnes aus dem Jahr 1914 mit den neuen Einbauten von Merz gestalten wird. Im Rara-Lesesaal, früher Lesesaal der im Gebäude untergebrachten Universitätsbibliothek der HU, ergänzen sich die neobarocken Elemente vorzüglich mit dem zurückhaltend gestalteten Lesebereich. Nur auf das Vogelgezwitscher, das bei der „Langen Nacht“ die Auslage von ornithologischen Rarissima begleitete, werden die künftigen Nutzer verzichten müssen. Bernhard Schulz

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