Berlin : Global denken, lokal ausbilden

Wirtschaft ist international. In der Berliner Technik-Akademie von Siemens lernen das schon die Azubis

Rainer W. During

Die Roboter helfen beim Kennenlernen. In Teamarbeit entwickeln die chinesischen und deutschen Auszubildenden zu Beginn der Ausbildung an der Berliner Technik-Akademie von Siemens kleine intelligente Helfer, die etwa beim Aufsammeln von im Raum verteilten Gegenständen helfen. „Das ist eine technische Spielerei – aber sie bereitet die jungen Leute auf die spätere Teamarbeit vor, die im Beruf entscheidend ist“, sagt Schulleiter Wilfrid Lammers. Und weil die Teamarbeit bei Siemens immer stärker global abläuft, profiliert sich seine Schule durch eine internationalisierte Berufsausbildung.

Wenn es darum geht, die internationalen Partner praxisnah zu schulen, ist Know-how aus Berlin gefragt. Angehende Führungskräfte aus Peking und Schanghai machen bei Siemens den Anfang. Und bei Alstom werden Kunden und Industriepartner aus ganz Europa und dem Fernen Osten für laufende Kooperationsprojekte fit gemacht. Für internationale Ausbildung stehen in Berlin nicht nur die Universitäten – auch viele Firmen steigen in den Wettbewerb um qualifizierte Schulabsolventen ein.

„Hier ist die Ausbildung viel praxisnäher“, sagt Zhang Tie. An der Siemens-Akademie wird er zum Industrietechnologen ausgebildet, um in zwei Jahren eine Führungsposition in seiner Heimat China zu übernehmen. Der 26-Jährige ist stolz, dass er mit zwei Kollegen von der Siemens Shanghai Mobile Communication Company unter mehr als 120 Bewerbern für das Stipendium in Berlin ausgewählt wurde. Seinen deutschen Paten René Böhmer hatte Zhang Tie bereits vier Wochen vor dem Flug nach Berlin per Internet kennen gelernt. Der 24 Jahre alte Brandenburger hilft dem Kameraden aus dem Fernen Osten, sich in der fremden Umgebung einzuleben.

Die Arbeitgeber zahlen den jungen Chinesen Wohnung, BVG-Monatskarte sowie ein monatliches Taschengeld von 300 Euro. Die Ausbildungskosten von rund 40 000 Euro pro Person trägt die Siemens-Landesgesellschaft in China. Insgesamt zehn junge Chinesen haben kürzlich ihre Ausbildung in Berlin begonnen. Im Gegensatz zu ihren rund 30 deutschen Kollegen verfügen sie bereits über einige Jahre Berufserfahrung. Die deutschen Bewerber kommen meist direkt nach dem Abitur zu Siemens und durchlaufen ein strenges Auswahlverfahren. Nur jeder Sechste, der durch die Vorauswahl gelangte, besteht alle Eignungstests.

Eine praxisnahe Ausbildung ist das Erfolgsgeheimnis der Akademie an der Nonnendammallee in Siemensstadt. Ein Großteil der Lehrkräfte kommt direkt aus den Werken. „Was wir vormittags in der Theorie lernen, können wir nachmittags gleich in die Praxis umsetzen“, sagt Sebastian Leo (21) aus dem dritten Semester. Nach nur zwei Jahren sind die Absolventen in der Lage, selbstständig Fertigungsstraßen zu planen, Antriebs- und Steuerungstechnik für Eisenbahnen zu entwickeln oder die neuesten Anwendungen für Mobiltelefone und deren Netze zu programmieren. Jeder Fünfte qualifiziert sich zum Anschlussstudium als Bachelor of Engineering.

Mit dem neuen Semester startet die Akademie in eine neue Dimension. Erstmals findet die gesamte Ausbildung auf Englisch statt. Damit reagiert man auf die zunehmende Globalisierung der Industrie. Der Leiter der staatlich anerkannten Privatschule, Wilfrid Lammers, spricht von einem „Modell für unsere Zukunft“. Wenn sich das Pilotprojekt bewährt, sollen auch Nachwuchskräfte anderer Firmen aus weiteren Ländern in Berlin geschult werden. Auch die deutschen Azubis profitieren: Sie können künftig global im Konzern eingesetzt werden, der in 190 Ländern vertreten ist.

Auch andere Unternehmen setzen auf die Hauptstadt als internationales Schulungszentrum, etwa bei Alstom Power Conversion, dem Spezialisten für Steuerungs- und Regelungstechnik. Erst kürzlich wurde in Marienfelde die komplette Kontrollwarte eines Walzwerkes nachgebaut, dessen mechanische Abläufe per Software simuliert wurden, berichtet Firmensprecherin Elke Hoch. Über mehrere Wochen wurden hier die Mitarbeiter eines russischen Kunden geschult.

Über 100 Kurse im Jahr werden angeboten, der Unterricht erfolgt je nach Klientel in Deutsch, Englisch oder in anderen Fremdsprachen. Die Kursteilnehmer kommen aus Europa, Nordamerika und auch hier immer häufiger aus China, wo Alstom über verschiedene Joint-Ventures verfügt. Die nächste Gruppe aus China wird Anfang des kommenden Jahres für einen zweimonatigen Kurs in Berlin erwartet.

Anders als bei Siemens geht es bei Alstom allerdings um projektbezogene Einarbeitung, nicht um Grundlagenschulung. Die Siemens-Akademie bleibt ein Sonderfall in der Stadt, über den sich Bildungssenator Klaus Böger (SPD) freut: „Mit internationalen Bildungsgängen blicken wir über unseren Tellerrand! Das ist gut, weil unser Bildungssystem saugfähiger werden muss für gute Ideen.“

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