Glosse : Heute ist der Winter mein Feind

Heitere Schneeballschlachten und Eisbahn-Romantik: Früher war der Winter etwas Herrliches. Maris Hubschmid bedauert das Aus einer langjährigen Beziehung.

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Früher war der Winter mein Freund. Die Welt, eingehüllt in ein glitzerndes, unschuldiges Weiß, bekam etwas Friedliches. Der erste Frost heizte den Herzen der Menschen ein, das nahende Weihnachtsfest stimmte sie milde und gemütlich. Alte Leute hielten beseelt in ihrem Spaziergang inne, um den Enkeln beim Rodeln zuzusehen. Passanten stiegen lachend in die Schlacht mit ein, wenn Kinder aus den eiszapfenverhangenen Bäumen heraus mit Schneebällen warfen. Und junge Verliebte wagten ihre ersten Annäherungsversuche auf der dicht bevölkerten Schlittschuhbahn, weil dürftige Laufkünste einen wunderbaren Vorwand dafür boten, beim Erklingen von Mariah Careys „All I want for christmas is you“ nach der Hand des anderen zu greifen. So war das.

Heute ist der Winter mein Feind. Wie kommt’s? Ich bin wie immer, kein Stück verändert. Es muss der Winter sein, der schuld ist an dieser Beziehungskrise. Schließlich beobachte ich auch an anderen Menschen, dass ihre Reaktionen auf den Wintereinbruch in diesem Jahr nicht die gewohnten sind. Streng genommen war dieser Wintereinbruch ja auch kein Wintereinbruch. Der Winter bricht nicht mehr ein, er war nie richtig weg, hockte gefühlt das ganze Jahr über im Nebenzimmer wie der unliebsame Partner eines Mitbewohners. Ist allenfalls kurz um den Block gegangen, da haben wir schnell mal den heißesten Tag aller Zeiten durchschwitzt. Keine angemessene Entschädigung für Lichtjahre des Sonnenentzugs.

Nun ist er also zurück. Wir versuchen vergeblich, ihn zu verdrängen. Der neue Winter gibt sich keine Mühe, zu gefallen. Er zerrt an unseren Nerven. Früher war es etwas Schönes, seinen Lieblingswollmantel hervorzuholen und die gehäkelte Mütze mit den Bommeln dran. Dieses vergnügliche Ritual entfällt jetzt, man hat beides ja noch gar nicht weggehängt. Wir verfluchen, uns für den vierten Stock im Altbau entschieden zu haben, weil die Heizung spätestens in der dritten Etage an ihre Kapazitätsgrenze stößt. Oder bangen, falls wir im ersten Stock wohnen, ob wir im nächsten Winter überhaupt noch eine Wohnung haben werden, weil die Heizkostenrechnung kaum bezahlbar sein wird. Wer raus muss, ist zu bemitleiden: Im Radio warnen sie unentwegt vor Glatteis, aber Winterreifen können wir uns nicht leisten, weil alles Weihnachtsgeld von einer dreifach gefütterten The North Face Outdoorjacke und Jack Wolfskin Thermounterwäsche aufgefressen ist. Zu Fuß gehend können wir nur hoffen, beim Ausrutschen diesmal auf die rechte Schulter zu fallen, wo die linke nach dem Sturz der letzten Saison nie wieder in ihre ursprüngliche Position zurückgefunden zu haben scheint. Der Streusand, der sich in die Schuhsohlen gräbt, gräbt sich später ins Parkett. Was ist zu tun?

Gestern hatte unsere Nachbarin einen kleinen Hund aus Griechenland dabei, der tobte wie toll durch die Schneeberge am Straßenrand. Er hatte noch nie Schnee gesehen. Ja, denke ich, auswandern wäre eine Lösung. Irgendwohin, wo Schnee eine echte Seltenheit ist, denn der Mensch liebt das Maßvolle, hat irgendein kluger Kopf einmal gesagt, jedenfalls berief mein Vater sich immer darauf, wenn er fand, es sei an der Zeit, das Bonbonglas vor uns Kindern in Sicherheit zu bringen. Aber jetzt schweife ich ab. Auswandern also? Aber ich liebe doch mein Heimatland! Oder?! Jetzt geht mir auf: Auch ich habe mich verändert. Der Winter hat einen anderen Menschen aus mir gemacht. Da sind Gedanken, die es vorher nicht gegeben hat - dieser zum Beispiel: Ich erwäge, meinen Freund allein reisen zu lassen, sollte er das Bedürfnis haben, in den Skiurlaub zu fahren. Und ich werde in diesem Jahr nicht für Waisenkinder in Zentralafrika zu spenden. Ich spende für die Winterquartiere von Zootieren. Die sind mir gefühlt einfach näher.

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