Berlin : Glubschi kuschelt nicht

Reptilien sind anspruchsvolle Haustiere. Viele Besitzer setzen sie einfach aus, wenn sie zu groß werden. Denn in Berlin gibt es kaum Abgabestellen

Matthias Jekosch

Zwodo sitzt ganz oben auf einem Ast und genießt. Dort erzeugt das Licht der Terrariumlampe die meiste Wärme. Das fünfjährige Jemen-Chamäleon-Männchen hat mit seinen sich hin- und herdrehenden Augen die ganze Umgebung im Blick – eine kleine Dschungellandschaft aus Blüten, Ästen, Blättern, gestaltet von seiner Besitzerin Silke Meyer. Hinter der nächsten Wand sitzt Glubschi, eine Trennwand weiter Trine, die Dame im Trio. Ihr Zuhause ist ein Terrarium, schön grün, mit 2,50 mal 1,60 Meter Fläche.

Manchen Artgenossen geht es anders, weil ihre Besitzer mit ihnen nicht klar kommen. Misshandelte oder ausgesetzte Reptilien landen in der Reptilienstation von Patrizia Romanazzi in der Sigmaringer Straße. Zu viele. „Die fressen mir noch die Haare vom Kopf“, seufzt die Tierärztin. Gerade krabbeln 55 Schmuckschildkröten in einem Aqua-Terrarium Panzer an Panzer in Richtung Futter. Es sind auch noch andere Schildkrötenarten da. Und hinter Glas windet sich eine drei Meter lange Netzpython um einen Stamm. Etwa 100 Tiere befinden sich permanent in Romanazzis Obhut. 192 Tiere hat sie allein im letzten Jahr aufgenommen. Tendenz steigend. 127 konnte sie im gleichen Zeitraum weiter vermitteln. Sie weiß nicht mehr, wohin mit all den Tieren. Beim Verkauf ist sie darauf angewiesen, dass die Leute auch zahlen. „Eigentlich müsste ich 90 Euro pro Tier nehmen, wenn ich keinen Verlust machen will.“ 20 bis 30 Euro sind der Normalfall. Ende 2004 hat Romanazzi den Verein „Reptilienstation“ gegründet und eine Vereinbarung mit dem Tierheim Hohenschönhausen getroffen. Doch dort fehlt das Wissen um die Reptilien. Also werden alle an die Tierarztpraxis Romanazzi weitergegeben. Ein Gewächshaus auf dem Tierheimgelände könnte Platzprobleme lösen. Derzeit wird verhandelt.

Doch die Koalition der Willigen soll größer werden. Ein runder Tisch schwebt Romanazzi vor, zusammen mit dem Land, Tierschutzvereinen und Firmen. „Wenn alle zusammenarbeiten, muss jeder nur ein bisschen geben“, sagt sie. Die 22 000 Euro Kosten für ihre Station trug sie im letzten Jahr alleine. Da ist das Wasser in den Aquarien, das alle zwei bis drei Tage ausgetauscht werden muss, nicht eingerechnet. Die Einnahmen betrugen 3 000 Euro.

Berlins oberste Naturschutzbehörde befürwortet ihr Projekt, finanzielle Unterstützung kann sie nicht geben. Klemens Steiof von der Behörde traut Käufern solcher Tiere nicht. Wenn der süße Leguan aus der Zoohandlung irgendwann zwei Meter lang ist, will man ihn loswerden. Oder entdeckt, dass Reptilien keine Streicheltiere sind. Tierhalterin Silke Meyer meint, viele Reptilienkäufe seien noch Ausläufer der Dino-Welle Anfang der neunziger Jahre. Romanazzi spricht sogar von einem Boom. Allerdings meint sie das Aussetzen der Tiere.

Händler haben von einem Reptilienboom nichts bemerkt. „Der Verkauf läuft schleppend“, sagt Simone Lutz, Verkäuferin bei „Das Futterhaus“ in Buckow. Laut Thomas Rüschkamp von der Kette „Fressnapf“ in Berlin ist der Absatz rückläufig. Reptilien machen im Verkauf der Lebendtiere nur etwa vier Prozent aus.

Auch in den Bezirksämtern, den unteren Artenschutzbehörden, die für An- und Ummeldungen von Tieren zuständig sind, wurden kaum Reptilien als Haustiere gemeldet. „Es gibt keine signifikanten Spitzen nach oben“, sagt Bernd Kanert vom Bezirksamt Neukölln. In seinem Bezirk sind mehr als 1300 Reptilien angemeldet. Fast alle Arten sind geschützt und dürfen nur eingeschränkt gehandelt und nicht einfach aus dem Urlaub in Afrika mitgebracht werden. Der Nachweis der Herkunft ist in Deutschland Pflicht bei allen Arten, die laut Washingtoner Abkommen zum internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (CITES) geschützt sind (siehe Kasten).

Wer sein Tier los werden will, muss sich selbst darum kümmern. Viele scheuen aber die Abgabegebühr von zehn Euro, die Patrizia Romanazzi erhebt. Und andere Abgabestellen gibt es nicht. Zeitungsinserate, Tierbörsen oder das Internet sind Alternativen, und auch Fachhändler könnten vermitteln. Beim Zoo braucht man es erst gar nicht versuchen. Dort ist jeder Reptilien-Platz belegt. Also setzen viele ihre Tiere einfach aus. Den Wechselblütern tun sie damit keinen Gefallen. Die meisten Reptilien erfrieren bei kalter Witterung. Und auch sich selber erweisen die Halter einen Bärendienst: Das Aussetzen von Tieren ist strafbar.

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