Berlin : Glückliche Elif

Auch die Mitschüler sind erleichtert, dass die Türkin bleiben darf

Claudia Keller

„Dann können wir jetzt eine Party feiern“, sagt Houda und nimmt ihre Freundin Elif in den Arm. Es ist 11.30 Uhr. Die Klasse 3a der Elbe-Grundschule in Neukölln hat große Pause. Die Mitschüler von Elif turnen auf dem Schulhof umher, die Freundinnen stehen in Grüppchen zusammen und kichern. Alle freuen sich, dass die achtjährige Elif von ihren Pflegeeltern adoptiert ist und nun in Berlin bleiben darf. „Das ist doch super, dass Elif hier bleibt“, sagt ein Klassenkamerad, „das Problem ist nur, dass sie immer so frech ist.“ „Ja genau“, gibt Elif zurück, die den Jungen um einen Kopf überragt, „und gleich zeig ich’s dir.“

Was eine Adoption ist und was die Bestimmungen für adoptierte Kinder im Ausländerrecht besagen, wissen die Drittklässler nicht. Auch Elif weiß das nicht. Ihr Onkel und ihre Tante, die die Achtjährige nun adoptiert haben, haben in den vergangenen Wochen versucht, das Mädchen soweit wie möglich aus den Verhandlungen mit dem Anwalt, mit der Ausländerbehörde und mit den Behörden in der Türkei herauszuhalten. Dennoch haben Elif und ihre Freundinnen sehr wohl mitbekommen, dass sich nun etwas zum Guten gewendet hat und dass sie nun beruhigt zusammen weiter in die Schule gehen und sich nachmittags zu Hause besuchen können. Und so strahlt Elif unter ihrem blauen Hut.

„Wir sind jetzt alle sehr erleichtert, dass die Geschichte so ein gutes Ende genommen hat“, sagt der Schulleiter Lutz Redlich. Und auch die Klassenlehrerin Doris Thiele ist froh. Den Kindern sei gar nicht so genau bewusst gewesen, was für Elif in den vergangenen Wochen auf dem Spiel gestanden habe. Und als sie am Donnerstagmorgen in der Klasse das Thema Adoption angesprochen habe, sei nur eines wichtig gewesen: dass Elif bleibt. Sie ist beliebt in der Klasse, sagt Thiele, besonders bei den Mädchen. Und sie lerne fleißig. Die Kinder hätten mit Elif mitgefühlt, auch im Unterricht hätten sie über das Erdbeben gesprochen und darüber, wie es ist, wenn man wie Elif bei einem Erdbeben seine Mutter verliert.

Als der Fotograf kommt, drängeln sich alle um Elif, alle wollen mit aufs Bild, alle wollen in die Zeitung kommen oder gar ins Fernsehen. Manche sind beleidigt, dass immer nur Elif im Mittelpunkt stehe.

Für Elifs Pflegeeltern und nun richtige Eltern geht jetzt endlich der ersehnte Alltag weiter, der vergangenes Jahr zwei Tage vor Weihnachten jäh unterbrochen wurde. Am 22. Dezember 2002 kam per Post die Vorladung der Ausländerbehörde ins Haus mit der Aufforderung, am 7. Januar das Flugticket für Elif zurück in die Türkei vorzulegen.

Die Eltern hatten das Ticket gekauft und Elif war schon dabei, sich von ihren Freundinnen und Bekannten zu verabschieden. Da fiel einem Nachbar kurz vor Silvester der Name eines Anwalts ein. Der Jurist nahm sich des Falles sofort an und reichte Anfang Januar eine Petition beim Bundestag und beim Abgeordnetenhaus ein. Schnell erkannte der Anwalt, dass der sicherste Weg zu einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung für Elif über die Adoption führen würde. Eine Woche später übergab Elifs Tante den Adoptionsantrag dem Gericht in der Türkei. Am Dienstag wurde bekannt, dass die Adoption genehmigt wurde. Als Familienmitglied hat das Mädchen nun ein Recht darauf, dauerhaft in Deutschland zu bleiben.

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