Berlin : Glückliche Schlangenmenschen

Viele standen fast zwei Stunden an, um das Neue Museum zu erleben. Dafür wurden sie reichlich belohnt: David Chipperfields Architektur löste nicht nur große Begeisterung aus, sondern wurde auch als eindrucksvolles Mahnmal dafür empfunden, was ein Krieg anrichtet

Stefan Jacobs
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Menschen im Museum. Mehr als 60 Jahre war das Neue Museum eine Ruine. Am Freitag konnten Besucher es erstmals wieder von innen...

Die Länge der Schlange zeigt die Größe des Ereignisses. Das Menschenband windet sich ums Alte Museum herum bis zur Karl-Liebknecht-Straße und von da in den Lustgarten hinein. Ein Mann schreitet mit ausgestrecktem Zeigefinger die Reihe ab und ruft „zweitausendfünfhundert!“, als er fast am Ende ist.

Hier haben sich soeben Christine Mark, Frank Burmeister und dessen Vater Harald eingereiht. Am Morgen sind die drei in Wismar gestartet, um das Neue Museum zu besuchen. Die Schlange schreckt sie nicht: Am Weißen Haus in Washington hätten sie auch anstehen müssen. Und, sagt Christine Mark: „Wir sind Stehen gewohnt, weil wir selbst Führungen machen. Auf Schloss Bothmer, Mecklenburg-Vorpommerns größtem Barockensemble.“ Sie sind also vom Fach, und „wir schätzen auch den puren Raumeindruck“, sagt Christine Mark, studierte Innenarchitektin. Inventar könne durchaus von dem ablenken, was alte Mauern zu erzählen haben.

Ganz langsam und fast ruckfrei gleitet die Schlange voran. Betreuer verteilen Infoblätter, ein Jungspund verkauft Kaffee, die „Gesellschaft Historisches Berlin“ verteilt Protestzettel gegen die Art, wie der Architekt David Chipperfield die Kriegszerstörungen in den Wiederaufbau des Museums einbezogen hat. Die Stimmung ist freundlich, trotz Niesels.

Endlich gerät das Ziel in Sicht. Kurzes Murren am Eingang: Trittbrettfahrerverdacht gegen manche, die sich zu den Mutter-Kind-Teams und Behinderten gesellt haben. Bei knapp zwei Stunden Wartezeit ist Vordrängeln kein Kavaliersdelikt.

Drinnen ist dann alles vergessen. Eine Wolke aus Ohs und Ahs schwebt durch die Säle, wo Spots und Oberlichter dem Miteinander aus Alt und Neu eine feierliche Atmosphäre verleihen. Jeder Raum ist anders, jede Säule, jede Wand, jedes Stück Boden. Ein Mosaik wirkt so plastisch, dass sich die Menschen hinhocken, um es abzutasten. Frisch gereinigte und dabei erkennbar alte Ziegel werden befühlt, der noch leere Platz der Nofretete betrachtet wie ein Altar. Nur gelegentliches „Ohne Blitz, bitte!“ durchschneidet die von Ehrfurcht geprägte Stimmung. Menschentrauben versammeln sich vor den Tafeln, die den Zustand der vergangenen 50 Jahre zeigen. Im „Modernen Saal“ reichte ein Baum über zwei Etagen bis zum weggebombten Dach. Ob Chipperfield bewusst war, dass er hier zugleich ein Antikriegsmuseum schaffen würde?

Betreuer erklären fachkundig und geduldig, welche Marmorstücke alt sind und dass die ersetzten Säulenteile anders wirken, weil der Original-Steinbruch in den Pyrenäen nicht mehr existiere. So wird der Rundgang zu einer Pilgerfahrt der Kulturinteressierten – Erleuchtung inklusive. Die Schönebergerin Angelika Mebes formuliert es im Gehen so: „Wie das Neue gegenüber dem Vorgefundenen zurücktritt – ich bin begeistert und erfüllt. Das ist wirklich große Architektur. Wir haben den Krieg verloren, wir können nicht so tun, als ob nichts war. Schlimm genug, dass es beim Stadtschloss versucht wird.“ Viele empfinden so. Man sei auf viel Kritik vorbereitet gewesen, erzählt ein Betreuer. Aber er höre kaum welche.

Die drei Mecklenburger decken sich noch im gut besuchten Shop mit Literatur ein. Als sie wieder draußen sind, sagt Christine Mark: „Mutig, diese Kombination. Diese Art der Konservierung wünsche ich mir auch für andere Gebäude.“ Harald Burmeister sagt mit glänzenden Augen: „Die Fahrt hierher hat sich hundertmal gelohnt.“ Im Oktober, wenn die Exponate stehen, wollen sie wiederkommen. Angelika Mebes sagt, sie könnte glatt noch einmal die Runde drehen. Vielleicht tut sie es: Ein großer Teil der Schlange ist inzwischen ins Museum gekrochen. Wer sich jetzt, am Mittag anstellt, wartet nur noch eine halbe Stunde.

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