Berlin : Glückliches Zusammenspiel

Renate Schmidt gehört zu den Lesepaten der ersten Stunde – ein Paradebeispiel

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Lesepatin der ersten Stunde. Renate Schmidt geht schon seit fünf Jahren an der Wedding-Schule ein und aus. Längst gehört die Charlottenburgerin für das Kollegium und für die Kinder zum Schulalltag dazu. Mit insgesamt 34 Lesepaten arbeitet die Wedding-Schule zusammen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Lesepatin der ersten Stunde. Renate Schmidt geht schon seit fünf Jahren an der Wedding-Schule ein und aus. Längst gehört die...

Es ist unübersehbar: Die beiden Frauen, die gerade auf den kleinen Kinderstühlen in einem Gruppenraum der WeddingGrundschule Platz genommen haben, sind ein Traumpaar – und das schon seit fünf Jahren.

Damals gehörte Renate Schmidt, die sich im Ruhestand für andere engagieren wollte, zu den Pionierinnen unter den Lesepaten. „Ich habe in der Zeitung davon gelesen und beschlossen, mitzumachen“, erinnert sie sich, und legt eine Plastiktüte mit dutzenden Kinderbüchern auf den Tisch. In der Grundschulpädagogin Christa Fahlbusch, die an der Wedding-Grundschule unterrichtet, fand sie ihr perfektes Gegenstück auf der Lehrerseite. „Ich hatte anfangs schon Angst, dass ich vielleicht als Fremdkörper behandelt und nicht anerkannt werde“, sagt Schmidt. Zum Glück seien diese Befürchtungen unbegründet gewesen. „Wir sind so froh, dass wir die Paten haben“, sagt Christa Fahlbusch, und auch, dass die beiden häufig telefonieren. Und wenn sie merke, dass ein Kind Kummer habe, bitte sie die Patin auch schon mal, herauszufinden, was da los ist.

Renate Schmidt kommt zweimal in der Woche für zwei Stunden aus Charlottenburg nach Wedding. Dienstags und freitags haben die Kinder der Klassen 1 und 2 a dann jemanden, mit dem sie das Lesen und Schreiben üben können – der ihnen vorliest, und was wohl das Wichtigste ist: von dem sie Aufmerksamkeit bekommen. „Am Anfang haben mich die Kinder gefragt, wie alt ich bin, und ob ich für diese Arbeit Geld bekomme“, sagt die 67-Jährige. Als sie dann geantwortet habe, dass sie ihretwegen komme, hätten die Kleinen gestrahlt. Wohl so ähnlich wie Renate Schmidt, wenn sie von diesem Glücksgefühl spricht, das sie immer habe, wenn sie mit den Kindern arbeite. „Es ist schwer, das in Worte zu fassen.“

Die ehemalige Schuldirektorin Barbara Bott betreut für das Bürgernetzwerk die Lesepaten an Grundschulen. „Natürlich läuft die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern nicht immer ohne Probleme ab“, sagt sie. Manchmal stimme die Chemie nicht, oder Lehrer und Lesepaten hätten ein unterschiedliches Verständnis von den Aufgaben der Ehrenamtlichen. Einige Paten müssen man zu Beginn auch bremsen – weil diese gerne einmal mit den Eltern der Kinder sprechen wollen. „Für uns ist aber klar, dass der Kontakt zu den Kindern allein über die Lehrer läuft“, sagte Beate Bott. In der Regel sei die Zusammenarbeit aber eine Bereicherung für alle Beteiligten.

An der Wedding-Grundschule sind insgesamt 34 Ehrenamtliche aktiv. Renate Schmidt liest gerade zwei kleinen Mädchen die Geschichte von Heini Hummel vor. Weitere Bücher mit Insekten, zum Beispiel Rosanelle, der Libelle oder Anna Ameise liegen auf dem Tisch. Die Kinder können entscheiden, mit welchem Buch gearbeitet wird.

Das Bürgernetzwerk bietet seinen Lesepaten immer wieder Fortbildungen an. Darin lernen sie zum Beispiel, wie man mit den Kindern umgehen kann. Oder Techniken, wie sie sprachliches Wissen noch besser vermitteln können, oder wie man das passende Buch auswählt. „In diesen Seminaren geht es auch um das Selbstverständnis der Lesepaten“, sagt Beate Bott. Ihrer Ansicht nach sei es aber auch wichtig, dass die Lesepaten eine „sichere Motivationgrundlage“ haben. Und deshalb auch mit der Ruppigkeit einiger Kinder umgehen könnten.

Zu diesem Thema hat sich auch Renate Schmidt ihre Gedanken gemacht. „Wenn es in den Stunden lauter wird, zeige ich den Kindern die gelbe oder rote Karte“, sagt sie und deutet auf die roten und gelben Schilder aus Wellpappe, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Zweimal haben sie seit der Weltmeisterschaft 2006 – als sie auf diese Idee gekommen ist – Rot zeigen müssen. Die Kinder hätten dann zurück in die Klasse gemusst und sich auch geschämt.

Renate Schmidt findet es wichtig, den Kindern auch Grenzen zu zeigen, so gern sie sie auch hat. „Und ich glaube, die wollen das auch“, sagt sie. Bevor sie ein kleines Päckchen aus der Tasche zieht und es dem kleinen Mädchen überreicht, das gerade Geburtstag hatte: eine Packung Buntstifte. Und das Gefühl, dass jemand an einen denkt.

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