Berlin : Glücksfälle der Geschichte

Gestern verlieh der Verein Werkstatt Deutschland in der Komischen Oper seine „Quadriga“-Preise

Lothar Heinke

Auf die Details kommt es an. Natürlich könnte man bei einer Gala wie der Verleihung der „Quadriga“-Preise gestern Abend in der Komischen Oper die Gäste mit irgendeinem schmackhaften Getränk empfangen, möglichst prickelnd bis schäumend, der gehobenen Stimmung wegen. Aber wenn man die Marke nicht sorgfältig genug auswählt, wäre es doch wie bei jeder durchschnittlichen Premierenparty. Dagegen den ganzen Prominenten, Honoratioren und nicht zuletzt den Preisträgern und ihren Preisrednern einen Rotwein namens „Quadriga“ aus Rheinhessen kredenzen, das hat schon was. Und – damit das Ost-West-Gefüge ausgewogen bleibt – als Alternative Rotkäppchensekt und Berliner Pilsener reichen – das ist ziemlich geschickt.

Imponierend war schon der rote Teppich. Der Verein Werkstatt Deutschland, der den Preis zum nun schon dritten Mal verlieh, hatte die Prominentenlaufbahn von der Glinkastraße aus bis zum Opernhaus ausrollen lassen. Zahlreiche Schaulustige säumten den Teppich und ließen sich von Wache schiebenden Polizisten aufklären, wer da zu erwarten sei: „Der Kohl kommt.“ – „Ach, den gibt’s auch noch?“ Gerade verdiente Personen der Zeitgeschichte, die durch ihr Engagement ein Zeichen für Aufbruch, Erneuerung und Pioniergeist gesetzt haben und dafür nun honoriert werden, sind vor der berühmt-berüchtigten Berliner Schnauze nicht sicher.

Man durfte schon staunen, wer so alles sich zur Preisverleihung aufgemacht hatte: Vicky Leandros beispielsweise, Franziska van Almsick, Maria Furtwängler, Peter Maffay, Hans Eichel, Lothar de Maizière, Klaus Wowereit sowieso, Friedrich Wilhelm von Preußen, sogar Benjamin William Mkapa, der Staatspräsident von Tansania,und Hamid Karsai, sein Kollege aus Afghanistan, waren da.

Solch einen Abend kann man nicht mit irgendeinem Musikstück beginnen. Die deutsche Nationalhymne sollte es schon sein, die das Orchester der Komischen Oper unter Leitung von Ion Marin aus Mailand zu Beginn intonierte. Dann war es an Klaus Riebschläger, dem Ersten Vorsitzenden der Werkstatt Deutschland, die Gäste des Abends zu begrüßen, bevor der Dirigent wieder zu seinem Taktstock griff. Das berühmte „Mission Impossible“-Thema kam jetzt wohl etwas überraschend, war aber vielleicht ein versteckter Hinweis auf all die Schwierigkeiten, die die Preisträger bei ihrer Arbeit zu überwinden hatten, und letztlich war ja auch ihre Mission dann doch nicht unmöglich.

Schadows berühmte Quadriga flimmerte dazu als großes Puzzle über die Leinwand im Hintergrund der Bühne. Man wusste: Jetzt gibt es gleich den ersten Preis. Angekündigt durch die Schauspielerin Dennenesch Zoudé betrat nun der afghanische Präsident Karsai die Bühne, selbst Quadriga-Preisträger, diesmal gehalten, Seine Hoheit Prinz Karim Aga Khan IV. zu würdigen, der die weltweit größte Stiftung für Entwicklungshilfe aufgebaut hat. Gute Taten ziehen offenbar weitere nach sich, Peter Maffay jedenfalls spendete nun gleich 10 000 Euro für das Projekt „Lampen für Afghanistan“, denn schließlich gelte doch: „Licht bedeutet Lernen.“

Doch, es war ein großer Abend, getragen vom allgemeinen Wohlwollen gegenüber den Preisträgern wie ihren Laudatoren: Tim Berners-Lee beispielsweise, Erfinder des World Wide Web, der von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld als „Gutenberg der heutigen Zeit“ gewürdigt wurde, die fünf McCartney-Schwestern, die Maria Furtwängler für ihren Einsatz für ein terrorfreies Leben in Nordirland pries, und schließlich, gewiss Höhepunkt des Abends, Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, geehrt durch den Preis – und die rühmenden Worte von Michail Gorbatschow: „Helmut Kohl hat den Ruf der Geschichte gehört, gemeinsam mit mir“, lobte Gorbatschow, während der Gepriesene die Quadriga-Figur mit großer Rührung entgegennahm und auch selbst mit herzlichen Dankesworten nicht sparte: „Dass es dich gab, das war unser Glücksfall.“

Lässt sich so viel Freude noch krönen? Gewiss, mit einem Ständchen der Mainzer Hofsänger beispielsweise. Heinrich Heine hatte man ausgewählt, das Lied von der Loreley: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.“

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