Berlin : Glühende Landschaften

Zuerst feierten 55 Fünfjährige den Potsdamer Platz. Dann kamen Tausende Besucher zu Nigel Kennedy

Heidemarie Mazuhn[Lothar Heinke u. Claudia Keller]

Von Heidemarie Mazuhn,

Lothar Heinke u. Claudia Keller

Timo aus Mariendorf hatte Glück – er wurde am 2. Oktober 1998 geboren und ist damit so alt wie das Daimler-Chrysler- Quartier am Potsdamer Platz. An seinen 5. Geburtstag wird der Steppke mit den sanften blauen Augen sicher lange denken. Feierte er doch nicht nur mit seiner Mutter Sabine Koch und fünf Freunden, sondern mit 54 weiteren fünfjährigen Jubilaren im Daimler-Chrysler- Atrium. Wenn alle Berliner Kinder, die am Donnerstag fünf Jahre alt wurden, der Einladung zum Potsdamer Platz gefolgt wären, hätte man Nenas Hit von den 99 Luftballons als Geburtstagshymne spielen können – 99 waren es. 55 wollten mit Daimler-Chrysler feiern – bereut hat es keiner. Bevor sie „Cats for Kids“ im Musicaltheater besuchten und sich anschließend selbst in Katzen verwandeln lassen konnten, spielte im Atrium die Gruppe „Rumpelstil“ für sie. Mit Marvin und Mandy waren sogar Zwillinge dabei – das Pärchen im Gewusel herauszufinden, war schlicht unmöglich. Sabine Koch konnte ihren Timo und dessen Geburtstagsgäste gut wiederfinden – die junge Frau hatte sich und den Jungen einfach die Haare orange gefärbt.

Orange war gegenüber in den Potsdamer Platz Arkaden auf langen Spruchbändern angesagt – zum Mitfeiern und Mitgewinnen riefen sie auf. Zu Geduld nicht. Die mussten diejenigen haben, die an den Absperrungen der Ausstellung „Architekturlaufsteg“ der Dinge harrten, die da um 18 Uhr 05 kommen sollten. Was gegen 18 Uhr 30 kam und im Center fast wie der Empfang eines Staatsgastes vorbereitet war, hatte tags zuvor ausgiebig Geburtstag gefeiert – Klaus Wowereit. Mit Stadtentwicklungssenator Peter Strieder, Finanzsenator Thilo Sarrazin und einer Schar festlich gekleideter Gäste eines Empfangs erklomm der 50-jährige Regierende kein bisschen angeschlagen oder müde den 80 Zentimeter hohen Laufsteg, zerschnitt oben flugs das Band und absolvierte die dahinter ausgestellten 30 Meter Entwicklung Potsdamer Platz.

Etwa zeitgleich ein paar Etagen tiefer: „Und jetzt sind wir genau unter dem Marlene-Dietrich-Platz!“ sagt Werner Klein von Daimler-Chrysler, aber seine Gäste benötigen einige Phantasie, sich das vorzustellen. Sie blicken direkt ins unterirdische Ver- und Entsorgungszentrum, zwölf Meter tief. Groß war das Interesse zu einem Trip in den „Bauch“ des Areals und den vielen, Hunderte von Metern langen weiß getünchten Gängen. Das unterirdische Zentrum wirkt wie eine leere Fabrikhalle, ist 4 500 Quadratmeter groß und wird durch einen Straßentunnel von der B 96 aus angefahren. Bis zu 260 Fahrzeuge können an 14 Rampen hier täglich be- und entladen werden. Die Waren für die Geschäfte und Restaurants der „Arkaden“ werden mit Elektroautos oder Hubwagen zu den einzelnen Abnehmern gebracht. Riesige Alba-Container schlucken den Abfall, der an Ort und Stelle nach 13 Arten getrennt wird - sortenreine Reststoffe verlassen die Unterwelt. Der gesamte Platz ist mit vier Etagen unterkellert – bis auf einen schmalen Streifen. Hinter einer Betonwand liegt der Sandkern der Alten Potsdamer Straße. Wegen der Wurzeln der alten Linden wurde hier kein Sandkorn bewegt.

Abends dann das Konzert von Nigel Kennedy. Um es gleich zu sagen: Es war großartig. Er strich, schrubbte und zupfte seine Violine am Abend auf dem Marlene-Dietrich-Platz mit einer solchen Leidenschaft und mit Witz und Hingabe, dass es schon Spaß machte, ihm nur zuzuschauen. Dabei traf er jeden Ton virtuos – auch dann noch, als sich wie bei den Vivaldi-Concertos die Tempi immer höher und höher schraubten, so dass man das Gefühl hatte, atemlos einem sportlichen Wettkampf zu folgen. Bei den rumänischen und serbischen Volksliedern wäre man am liebsten aufgesprungen und hätte getanzt. Das hätte auch besser gegen die Kälte geholfen als die silbrigen Rettungsdecken, die zuvor verteilt worden waren. Sie knisterten wie Bonbonpapier.

Der englische Stargeiger hatte sich über die schwarze Hose und das schwarze T-Shirt einen silber-schwarz-gestreiften Bademantel gezogen. Zwischen den Stücken scherzte er mit seinen Musikern oder plauderte mit Zuschauern, einmal setzte er sich zum Spielen auf einen Stuhl in der ersten Reihe. Schade, dass weniger Zuschauer gekommen waren, etliche Stühle blieben leer. Nach dem Konzert verteilten sich die Gäste denn auch schnell in die umliegenden Straßen. Einige wiegten sich noch in der S-Bahnstation Potsdamer Platz zu Samba-Rythmen, die Tänzer mit Federboas und Reifröcken vortanzten. Kurz vor Nigel Kennedys Auftritt hatten Feuerwerksfontänen die kitschig-schönen Himmelsblumen in den Straßen, auf dem See und auf Dächern entzündet. Dort werden sie noch drei Wochen lang jeden Abend glühen.

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