Berlin : Glühwein und Schweißperlen

Weihnachtsmärkte im Klimawandel: Die Besucher wollen was Frisches

Christian van Lessen

Es ist fünf vor zwölf, René Köchel hat auf dem Breitscheidplatz fast eine Stunde Weihnachtsmarkt hinter sich. Sein Glühweinstand steht in bester Lage. Köchel hat in dieser Zeit erst zehn Tassen verkauft, eine dürftige Bilanz. Sonst sind es mindestens dreimal so viel – zu normalen Weihnachtsmarktzeiten. Also an kälteren Tagen.

Auch am Wochenende ist es ein Kreuz mit der Weihnachtsstimmung, vor allem tagsüber. Selbst dort, wo die Laune professionell angekurbelt wird. Köchel, ein alter Standhase, hat „so was Mildes noch nicht erlebt“. Wenigstens sind am Sonntag die Temperaturen wieder etwas niedriger, dafür scheint aber die Sonne. Acht Grad – noch zu warm. Null bis fünf Grad – das sind Werte mit hohem Glühweinfaktor. Je tiefer sie sinken, um so höher sind die Anteile „Schuss“, die die Besucher ordern. Jetzt aber sind die alkoholfreien Kaltgetränke knapp, so dass die Stände schon Nachschub bestellen müssen.

Ein Ehepaar aus Lübeck schlürft in der Nähe notgedrungen Glühwein. Die beiden haben Schweißperlen auf der Stirn. Eigentlich wollten sie kalten Saft. „Das gibt’s hier nicht im Dezember“, hat ihnen die Verkäuferin gesagt. Ein Stand bietet Schneegestöber an, Glühwein mit Sahnehäubchen. Ein anderer Gastronom wirbt mit seinem gut beheizten Gastraum. Aber draußen friert kein Mensch.

„Es ist einfach zu warm für Heißgetränke“, sagt Andi Wagner von der Glühweinhütte. Ausgeschenkt werden kalte Drinks. Gäste wünschen sich eine Palmenkulisse. Weihnachtsstimmung? „Die muss man sich wohl selber machen“, sagt Marktbesucher Andreas Zotz.

Auf dem Schloßplatz ist der Weihnachtsmarkt gestraft vom Abriss des Palastes der Republik. Die Aussicht auf die düstere Ruine ist eine Spaß- und Stimmungsbremse für viele Händler und Besucher. Der Weihnachtsmann, der für Fotos bereitsteht, fühlt sich „wie ein Außenseiter mit Kostüm“. Er schwitzt, trägt drunter nur ein T-Shirt. Die meisten Leute hier suchen nach einer Cocktailbar.

Auf dem nostalgischen Weihnachtsmarkt an der Staatsoper kommt mehr Stimmung auf. Feuerwehrmusiker spielen „Alle Jahre wieder“, Zuschauer blicken gerührt auf die Friedrichswerdersche Kirche und summen mit. Die Heizpilze sind ausgeschaltet. Eine Frau verkauft am Stand wirklich viel Glühwein, mit fast jedem weiteren hat sie wieder eine Unterschrift mehr für die Erhaltung des Marktes gesammelt. Für den darf es nicht die letzte Saison sein, sagt sie.

Der „Weihnachtszauber am Gendarmenmarkt“ versucht die Stimmung mit attraktivem Bühnenprogramm samt Krippenspiel anzuheizen. Dass die Besucher dabei auf den blanken Stufen des Schauspielhauses sitzen und entspannen, erinnert an Frühlings- und Sommerzauber.

„Da ist richtiger Schnee“, rufen Kinder auf dem Potsdamer Platz, wo die „Winterwelt“ auf die Rutschbahn lädt. Die Kassiererin bestätigt stolz: „Wir sind der einzige Platz der Stadt mit Schnee.“ Aber in Weihnachtsstimmung seien die Leute nicht, sie wirkten eher etwas genervt.

Genervt sind auch die Baumhändler, der Verkauf läuft inzwischen besser, aber immer noch schleppend. Die Bäume sind trocken, brauchen Regen, tiefere Temperaturen. Könnten Kältegrade die Weihnachtsstimmung retten? Es ist fünf vor zwölf.

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