Gnadenbrot für Lumpi & Co. : Leben im Altenheim für Haustiere

Hartmut Benter und Dirk Bufé beherbergen 270 greise Tiere. Das brachte ihnen einen Ehrenpreis ein – und führt zu Regalen voller kleiner Urnen.

Jana Scholz
Voll lecker! Wenn Hartmut Benter Naschzeug an die Hundeschar verteilt, geht es ganz gesittet zu, denn für wilde Kämpfe sind die Tiere viel zu alt.
Voll lecker! Wenn Hartmut Benter Naschzeug an die Hundeschar verteilt, geht es ganz gesittet zu, denn für wilde Kämpfe sind die...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn Hartmut Benter im Freilauf hinterm Haus Leckerlis verteilt, dann schart sich höchstens ein Drittel der potenziellen Adressaten um ihn. Die anderen zwei Drittel warten ruhig ab, bis sie an der Reihe sind. Das könnte man Weisheit nennen, weil sie längst wissen, dass bei Benters Leckerli-Verteilrunden niemand leer ausgeht. Aber in Wirklichkeit ist es etwas anderes: Die wartenden zwei Drittel sind für feurige Futterkämpfe schlicht zu alt.

Womit sie genau Benters Zielgruppe sind. Zusammen mit Dirk Bufé betreibt der 53-Jährige im Pankower Ortsteil Blankenburg seit fast zehn Jahren in Kombiation einen „Vogelgnadenhof“ und ein „Altenheim für Tiere“, wofür sie im vergangenen Jahr den Ehrenpreis des Berliner Tierschutzbeauftragten bekamen.

Die meisten Hunde sind mehr als 15 Jahre alt

Mehr als 270 Tiere – 219 Vögel, 22 Katzen und 33 Hunde – leben inzwischen in dem Altenheim, das sich hinter der Rückseite eines unauffälligen Einfamilienhauses in der Burgwallstraße erstreckt. Dort befinden sich die Volieren für die Sittiche, die Kanarienvögel und den Ara, ein eigenes kleines Gartenhaus für die Katzen und der Hundeauslauf. Anders als im Tierheim sind die Hunde nicht in getrennten Gehegen untergebracht, sondern leben in einem Auslauf mit Zugang zum Haus, alle in einem Rudel. Dafür sind sie erstaunlich friedlich. Benter findet das nur natürlich: „Wenn die Hunde sich wie im Tierheim zwar sehen, aber sonst nicht miteinander in Kontakt sein können, bellen sie den ganzen Tag.“

Die meisten Hunde auf dem Gnadenhof sind mehr als 15 Jahre alt. Lange Spaziergänge machen diese Senioren nicht mehr mit, viele sind krank und benötigen Medikamente. Die Hündin Biggie, ein Dalmatiner-Mischling, ist schon 19 Jahre alt und damit die älteste unter den Hunden im Heim. Als vor zwei Jahren ihr Besitzer starb, brachten dessen Kinder die Hündin ins Altenheim. Sie schläft viel und geht geduckt. Ihr Fell ist stumpf und rau, am Bauch hat sie Geschwülste, wenn auch gutartige. Außerdem ist die Hündin dement: Wenn sie nicht gerade schläft, läuft sie orientierungslos hin und her. „Sie hat keine innere Ruhe mehr“, sagt Benter. Mit Medikamenten behandeln sie das kognitive Dysfunktionssyndrom, unter dem auch Hunde leiden können. Außerdem bekommen die alten Hunde alle eine Ration Vitamine mit dem Futter.

Rund 20 ehrenamtliche Helfer sind regelmäßig auf dem Areal beschäftigt und zuständig für die Reinigung der Vogelvolieren, des Katzenhauses und des Hundefreilaufs, außerdem pflegen sie die Tiere und beschäftigen sie. Mit den Hunden, die noch gut zu Fuß sind, gehen Freiwillige täglich am nahe gelegenen Pankefluss spazieren. Der „Hauptfuttermann“ sei aber er, sagt Benter.

Vielen Haltern wurden die Tierarztkosten zu hoch

Ins Altenheim gelangen die Tiere auf ganz verschiedenen Wegen, meist aus Berlin und der näheren Umgebung. Der wichtigste Grund, ein älteres Tier abzugeben, sind die höheren Tierarztkosten, denn alte Tiere leiden meistens unter mehr als einer Krankheit. Manche bringen aber auch Verwandte hierher, wenn der Halter verstorben ist – wie im Fall von Hündin Biggie. Andere Tiere wurden in Tierpensionen abgegeben und nie wieder abgeholt. Immer mal wieder werden Tiere auch direkt vor dem Altenheim ausgesetzt. Und jede Woche kommen viele Anfragen per E-Mail oder Telefon: Sogar Ziegen, Ponys oder kleine Nager möchten die Leute abgeben. „Den meisten müssen wir aber absagen“, sagt Benter. „Wir haben den Platz nicht.“ Ab und zu können sie ein Tier vermitteln: Ein Vereinsmitglied nahm einen blinden, zwölfjährigen Schäferhund zu sich. Sonst wird nur Platz für ein neues Heimtier, wenn ein altes stirbt.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben