Berlin : Godehard Lietzow (Geb. 1937)

„Das ist zwar ein wunderschönes Blau, aber wir müssen es nicht haben.“

Kerstin Decker

Als er auf die Party kam, war Horst Hartmann noch der Mann vom Roxy-Hotel am Ku’damm. Jemand also, der sich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben kümmert: wie Menschen schlafen und wie sie essen. Und dann sprach er mit diesem dunklen, schlanken Mann, Godehard hieß er, den nur eins zu kümmern schien: was Menschen sehen, wie Menschen sehen. Sehend werden! Der Aufruf aller Propheten. Ein Kunstkritiker, natürlich. Nicht wenige Propheten im nachprophetischen Zeitalter werden Kritiker. Und damit man ihn besser verstehen konnte, schrieb Godehard Lietzow seine Kunstkritiken nicht nur für den Tagesspiegel sondern auch fürs Radio. Das war Ende der Sechziger.

Sie waren beide Anfang dreißig. Als der Abgesandte des Beherbergungsgewerbes die Party verließ, wusste er noch nicht, dass er demnächst etwas tun würde, woran er noch nie im Leben gedacht hatte: Eine Galerie eröffnen. Nicht irgendeine, nein, eine der bald legendärsten Galerien des alten West-Berlin. Gemeinsam mit dem Kritiker. Denn der war längst einen Schritt über die Kritik hinaus: Es genügt nicht, Menschen das Sehen zu lehren; man muss auch entdecken, was erst gesehen werden soll.

Mich werden sie auch entdecken, mag Godehard Lietzows Primär-Ich damals schon gedacht haben, aber noch fügte es an: Das hat Zeit!

Das Primär-Ich des vormaligen Studenten der Werkkunstschule Hannover und der Berliner Hochschule für Bildende Kunst Lietzow war sein Künstler-Ich, sein Maler-Ich. Aber es hatte eines Tages, noch als Student, etwas Seltsames bemerkt: Ich male ja wie ... ! Seine Bilder – Abbilder seiner Vorbilder? Da beschloss es, dass es eine Pause brauchte. Ein Primär-Ich, das sekundär malt, damit wären Sekundärbegabungen vielleicht zufrieden gewesen. Er nicht. Warum also diese notwendige Pause nicht dem Sichtbarmachen anderer widmen? So entstanden Lietzows Interims-Selbstheiten, sein Kritiker-Ich und das geradezu erfindende Galeristen-Ich.

Die Galeriegründer fanden einen alten zugerümpelten Feinkostladen in der Knesebeckstraße. Sie zahlten nach Sitte der Zeit eine gehörige Summe Abstand dafür, dass sie den Laden selbst entrümpeln durften. Die Arbeitsteilung in der „Galerie Lietzow“ war klar. Godehard kümmerte sich um das Sichtbarzumachende, Horst kümmerte sich darum, dass es auch bezahlt werden konnte. So entdeckten sie Peter Ackermann, Marwin und andere. Auch, früher als andere, David Hockney oder Robert Mapplethorpe. Vielleicht ist es mit der Kunst wie mit den Menschen. Entweder man erkennt sie sofort oder gar nicht. Und große Liebende sind auch große Ablehnende. „Das ist zwar ein wunderschönes Blau, aber wir müssen es nicht haben“, konnte Lietzow sagen und dann war es endgültig. Genau wie in der Liebe.

Beide machten eine erstaunliche Entdeckung. Von der Kunst kann man leben! Da können wir doch jetzt eine eigene Grafikedition beginnen, folgerte Godehard Lietzow, und noch schönere Kataloge und Plakate machen! Was sie verdienten, ging auf in lauter neuen Sichtbarkeiten. Warum nicht auch in ein paar Sicherheiten?, dachte Horst Hartmann manchmal. Vielleicht eine Eigentumswohnung, fürs gemeinsame Alter? Da sah Lietzow seinen Lebensgefährten mit großen Augen an: Welches Alter?

Das Alter ist eine Frage der inneren Einstellung, sagte dieser Blick. Und: Eine Eigentumswohnung ist nicht das, was von einem Menschen übrigbleiben sollte. Von einem Maler erst recht nicht. Aber Bilder, eigene Bilder. Seit 1973 zeichnete Godehard Lietzow wieder, abends in der gemeinsamen Wohnung über der Galerie. Die Welt als Faden, als unendlich verschlungenes Garn, aus dem momenthaft Formen und Gesichter werden, Begegnungen, die sofort wieder vergehen im Gewirr. Amöben der Seele, sagte jemand. Lauter Ariadnefäden, Fühlfäden, ausgelegt ins Unendliche. Lietzows Weltfäden zeigte die „Galerie Lietzow“.

Jeder Schuster darf die selbstgemachten Stiefel ins Ladenfenster stellen. Ein Galerist nicht. Nein, es war kein Wunder, dass alle Künstlerwelt dachte: Lietzow, der Galerist. Von Lietzow, dem Maler, wusste sie nichts. Und wollte sie nichts wissen: Ein Galerist auf Abwegen, ein Neu-Künstler – ist das nicht eine Verlegenheit im höchsten Maße? Ein Liebhaber, ein Dilettant, ein Überläufer?

Lietzow malte weiter, mit noch größerer Dringlichkeit, gegen das Übersehenwerden. Seit Ende der Siebziger führte Hartmann die Galerie allein.

Alle Malerei ist zuletzt Musik, alle Musik ist Freiheit unterm strengen Diktat der Notwendigkeit. Lietzow komponierte freiheitliche Seelen-Notwendigkeiten in Wasserfarben, in Löslichkeiten. Jede Seele ist eine Unterwasserwelt. Es wurden Gespräche der Farben miteinander. Der Maler hält sich da am besten raus. Wir brauchen mehr Platz, sagten die Farben. Lietzows Formate wurden größer. Wie hätte er jetzt einen gebraucht wie sich, einen Sichtbarmacher, einen Entdecker.

Und dann, 2003, kündigte der neue Eigentümer des Hauses in der Knesebeckstraße der Galerie. Nach dreiunddreißig Jahren. Die Galerie woanders? Undenkbar, es wäre nicht dieselbe. Kurz darauf mussten sie auch ihre Wohnung aufgeben in dem Haus, das ohne die Galerie seltsam gesichtslos geworden war. So schlecht war die Eigentumsidee vielleicht doch nicht. Zu spät.

Als Godehard Lietzow eine Bücherkiste in die neue, fremde Mietwohnung trug, fühlte er einen Schmerz in der Hüfte. Nichts weiter, dachte er, das kommt vom Tragen. Kam es nicht.

Noch wusste der Maler nicht, dass er einen Tumor in der Lunge trug. Dass er nie leben würde in dieser neuen Wohnung, an deren Wänden heute die Amöben der Seele hängen in allen Lebens- und Sterbefarben. Karl-Horst Hartmann erstellt ein Verzeichnis der Bilder. Für seinen Freund, den Maler. Den noch immer nicht ganz entdeckten Entdecker. In ein paar Tagen, am 18. November, wäre er siebzig geworden. Kerstin Decker

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