Berlin : Göttliche Stimmen gegen Aids und Aberglauben

Der Soweto-Gospel-Chor engagiert sich für die Kranken der armen Townships Auf ihrer Europa-Tournee kommen die 25 Sänger ins Schiller-Theater

Björn Seeling

Der Ritterschlag kam kurz vor der zwölfstündigen Reise nach Europa: Der Soweto-Gospel-Chor aus Südafrika sei für den „Grammy“ nominiert, ließ die Organisation mitteilen, die jedes Jahr den wichtigsten Musikpreis der Welt verleiht.

Ein Traum wurde für die 25-köpfige Truppe aus der Nähe von Johannesburg wahr. „Wir haben stets gescherzt, dass der Grammy unser Ziel ist – und auf einmal erleben wir diese Überraschung“, sagt Chor-Produzentin Beverly Bryer. Wenn alles gut geht, dann könnte der Chor sogar mit solchen Größen wie Shakira, den Red Hot Chili Peppers oder den Arctic Monkeys in einer Reihe stehen. Denn die sind auch für den Preis nominiert, der am 11. Februar im Los Angeles vergeben wird.

Doch zuvor geht’s noch quer durch Europa. Am 6. und 7. Januar gastiert der Chor im Schiller-Theater, wo sich die Berliner schon mal davon überzeugen können, dass das Ensemble durchaus preisverdächtig ist. Die Sänger wollen das Publikum auf eine musikalische Weltreise mitnehmen. Einmal Afrika, Europa, Amerika und zurück. Die Zuhörer können sich nicht nur auf „Voices from Heaven“ freuen, sondern auch auf traditionelle farbenprächtige Kostüme.

Dabei ist die Heimat des Chors für europäische Begriffe alles andere als himmlisch. Das während der Rassentrennung gegründete „South Western Township“, kurz Soweto, ächzt unter der Problemlast von Gewalt, Armut – und Aids. Fast ein Viertel der südafrikanischen Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren gilt als HIV-infiziert. In den Townships wie Soweto ist die Rate oft noch viel höher. Deshalb engagiert sich der Chor für Projekte gegen Aids. „Wenn du mit ansehen musst, wie ein halber Kontinent die Generation der Dreißig- bis Vierzigjährigen verliert, wie Aberglauben furchtbare Folgen hat, weil Sex mit einer Jungfrau angeblich Aids heilt und überall Mädchen vergewaltigt und angesteckt werden, kommst du der Verzweiflung nahe“, sagt Chorleiter David Mulovhedzi.

Deshalb sammeln die jungen Sänger bei jedem ihrer Auftritt Geld für Projekte in ihrer Heimat. Eines davon ist „Nkosi’s Haven“ (siehe Kasten), das sich um HIV-infizierte Mütter und ihre Kinder kümmert. Seit 2003 gibt es eine eigene Stiftung: „Nkosi’s Haven Vukani“. Vukani heißt „aufstehen, etwas tun“ – was auch das Credo des Ensembles ist.

Denn der Chor ist selbst ein soziales Projekt. Die Künstler können dank der Gagen nicht nur ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten, sie sichern auch die Existenz ihrer Verwandtschaft. Die Familie ersetzt in Südafrika das soziale Netz. Kein Wunder, dass der Soweto-Gospel-Chor, obwohl erst 2002 gegründet, schon als Legende im eigenen Land gilt. „Wir geben unseren Leuten Hoffnung“, sagt Shimmy Jiyane, Tenor, Choreograf und Tänzer. Aber genauso kommt von den Fans etwas zurück: Begeisterung. Bei Gottesdiensten, die in Soweto aus Mangel an Kirchengebäuden in Zirkuszelten stattfinden, werden die Sänger gefeiert wie Popstars. Keinen der Gottesdienstbesucher hält es auf seinem Stuhl, wenn die „Voices from Heaven“ das Chapiteau in eine Kathedrale verwandeln.

Dabei ist das Thema Religion eine heikle Sache. Chorchef David Mulovhedzi musste bei der Besetzung penibel darauf achten, dass auch ja jede Glaubensrichtung vertreten ist. „Besetze ich einen Chor nur mit Baptisten, dann wenden sich die Anhänger anderer christlicher Kirchen ab“, sagt der Mann, der sich mit der Gründung des Chors den Traum verwirklicht hat, die besten Stimmen aus den Kirchenchören Südafrikas zu vereinen. „Außerdem will ich zeigen, dass die Kulturen meines Landes mit den christlichen Traditionen zusammenwirken können.“ Musik sei eine universelle Sprache. Und die versteht man mit Sicherheit auch in Berlin.

Soweto-Gospel-Chor, „Voices from Heaven“, 6., 7. Januar 2007, Schiller-Theater, Tickets unter (01805) 57 00 00. Infos im Internet: www.sowetogospelchoir.com.

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