Berlin : Goldene Kamera: Glanzvolle Nächte sind lang und ausgelassen

Elisabeth Binder

Wenn man das ganze Jahr über die TV-Favoriten aus dem Fernseher direkt ins Wohnzimmer purzeln ließe und dieses dann ins Schauspielhaus am Gendarmenmarkt verlegte, dann hätte man den Mix, der "Goldene Kamera" heißt. Gedränge in allen Räumen des schönen Haues, und wo man auch hinguckt, guckt man auf Berühmtheiten wie Hape Kerkeling oder Evelyn Hamann. "Nur der Gottschalk fehlt", sagte ein Fernsehmanager. Aber der wohnt halt in Los Angeles, und das ist noch entscheidende Jet-Lag-Stunden weiter als, sagen wir mal Miami, von wo aus sich Barbara Becker aufgemacht hat, um als Überraschungsgast "ein neues Leben zu beginnen", wie die Bild-Zeitung eiligst vermeldete. Herzlich begrüßt von Moderatorin Desirée Nosbusch trat sie im langen blauen Abendkleid mit routiniert strahlendem Lächeln auf die Bühne. Offensichtlich wollte die Schauspielerin der Welt zeigen, dass sie kein Opfer ist, so offensiv schön und schick und begehrenswert gab sie sich bei dem ersten öffentlichen Auftritt nach der Scheidung von Boris Becker. Sie sprach eine kurze Laudatio für Latino-Pop-Sänger Ricky Martin, der sich bedankte mit dem Hinweis, dass Musik und Schauspiel im Grunde das Gleiche seien: "Man muss seine Seele geben." Gemeinsam mit dem Ausgezeichneten nahm die Sensations-Laudatorin noch für fünf Minuten in der ersten Reihe Platz und verschwand dann rasch, zunächst, wie man hörte, zur Lebensbeichte bei der Bild-Zeitung, dann zurück nach Miami zu ihren Kindern. Der Applaus für die Überraschung "Unverhofft kommt oft" war groß, streckenweise vielleicht ein bisschen unsicher, denn bei solchen Veranstaltungen ist ja immer die Frage, was macht einen Star aus? Reicht schon eine schreckliche Scheidung und das Potenzial für mehr?



Einen Seitenhieb auf die Reality-TV-Mode, hatte sich Michael Lohmann, Chefredakteur der Preis vergebenden Fernsehzeitschrift "Hörzu" anfangs nicht verkniffen: "Bei Stars, die nicht durch Leistung zum Star geworden sind, schauen wir betreten beiseite". Wie ein roter Faden zog sich indes die moderne Sehnsucht nach echter Größe durch die Gala, "nach Stars, die nicht zusammenzucken, wenn man sie Stars nennt", nach imposanten Freitreppen, großen Gesten und sogar Marotten. Charme, Charisma, Leidenschaft, das waren die häufigsten Attribute für die Preisträger. Hinzu kamen die Fähigkeit zu rühren (Dieter Pfaff) und liebenswerter Humor (Dirk Bach). Erfrischend sympathisch war die Liebeserklärung von Kate Winslet an ihren Beruf.

Die Goldene Kamera wird seit zwölf Jahren in Berlin verliehen, und sie bildet den Auftakt zu einer ganzen Reihe von aufregenden und Scheinwerfer leuchtenden Nächten, die dem spätwinterlichen Berlin metropolitanen Glanz verleihen. Anders als bei der Berlinale-Eröffnung, die immer noch ein wenig geprägt war von dem gebremsten Glanz jener Zeiten, als das Festival auch als Zeichen des Überlebens einer isolierten Halbstadt zelebriert wurde, spürt man bei der Goldenen Kamera das ungehemmte Bekenntnis zum hedonistischen Glamour. Insofern ist sie, obwohl eher am Fernsehen orientiert, wie ein großer Tusch, der sagt: Jetzt gehen die Sterne auf.



Das reicht bis in Details: Dutzende Hostessen, in lange, goldschimmernde Abendroben von Sandra Pabst gekleidet, werkelten an mächtigen schwarzen Computerschirmen und strahlten dabei die gelungene Verschmelzung von High-Tech, Sex und Weiblichkeit aus. (Nur minimale Unebenheiten, wie übereifrige Security-Jungs, die fröstelnde Gäste in Abendgarderobe im Regen stehen lassen, nur weil sie zehn Minuten zu früh da sind; auch die etwas streng riechende Sauce, die Caterer Do&Co zu den Eingangshäppchen reichte, wäre vielleicht durch etwas Parfümkompatibleres ersetzbar gewesen).

Ansonsten ausgelassene Stimmung. Sogar der temperamentvolle Götz George, der gemeinsam mit Manfred Krug ausgezeichnet wurde, bewahrte Haltung, als eine Fotografin ihn rief: "Bitte hierher gucken, Herr Adorf". Sir Peter Ustinov brillierte mit Anekdoten, Suzanne von Borsody dankte ihrer Mama. Ansonsten setzt sich gegenüber den früher modischen Gefühlsausbrüchen im Angesicht eines glitzertollen Preises offenbar der Hang zu ironischem Understatement durch. Ein bisschen sehr lakonisch vielleicht des Nachwuchs-Stars Julia Hummers schlichtes, heiseres "Danke sehr", lustiger Christiane Hörbigers Dank an den Maskenbildner. Und noch lustiger Hella von Sinnens Millionärs-Spiel mit Günther Jauch, dessen Laudatio sein erster Quiz-Millionär Eckhard Freise hielt. Der Bass-Bariton Thomas Quasthoff wurde mit dem stürmischsten Applaus bedacht, weil er in der ARD-Dokumentation "Die Stimme" Einblick in sein Leben gegeben hat, das geprägt ist von einer Contergan-Schädigung einerseits und mit großer Begabung und harter Arbeit errungenem Weltruhm andererseits. All das gibt es morgen auch im ZDF zu sehen. Anschließend Party, bei der es eine "Paris Bar" gab mit hohem Kir-Royal-Verschleiß und lange Länder-Buffets mit schottischem Lachs und indischem Curry.

Der sechsfache Oscar-Preisträger Arthur Cohn ("Ein Tag im September"), aber auch die wunderschön in Burgunderrot gestylte Iris Berben, Karl Dall oder Polylux-Macherin Tita von Hardenberg hielten es jedenfalls bis zum frühen Morgen aus. Die kommenden langen Nächte verlangen halt gründliches Training.

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