Berlin : "Goldi-Schlagerchor": Singen und swingen

Heidemarie Mazuhn

"In der Bar zum Krokodil am schönen blauen Nil" kann es auch nicht heißer sein, als an diesem Nachmittag im Gemeindesaal der Evangelischen Erlösergemeinde in Moabit. 30 ältere Frauen und Männer schmettern dort ganz und gar unchristliche Lieder. "Denn Theben war für Memphis, was für die Wurst der Senf ist", gibt jetzt in der "Bar zum Krokodil" eine Sängerin allein den Ton an. "Gut, Eva", lobt der Chorleiter. Eva Gliesche freut sich. Erst seit vorigem Oktober singt sie im Seniorenchor der Musikschule Tiergarten mit, und nun hat sie schon einen richtigen Auftritt. Und ist wie eine richtige Diva auch ein wenig eitel. "Muss ich das sagen?" antwortet sie auf die Frage nach dem Alter. Ein "über 60" lässt sich sich dann doch entlocken. Das sind die meisten im "Goldi-Schlagerchor", der Evergreens der 20er bis 60er Jahre singt. Zum Beispiel "O mia bella Napoli". "Napoli", korrigiert Michael Seilkopf, "Ihr müsst nicht an Pulli, sondern an Po denken". Der 27-Jährige leitet den Chor seit Oktober 1994. "Von den Schlagern kannte ich damals nicht einen", erinnert sich der 1993 aus Hamburg zugezogene Musik- und Mathematikstudent. 80 bis 90 Lieder gehören zum Repertoire. "Notenkenntnis ist nicht unbedingt erforderlich, aber Freude am Singen", sagt der angehende Studienrat.

Die hat Gerda Joecks schon seit 15 Jahren. Die ehemalige Sportlehrerin aus Spandau ist mit 81 Jahren die Älteste im Chor. Elsa Jansen aus Charlottenburg und Elke Schmette aus Spandau sind mit 51 Lenzen die Jüngsten im Chor, der jeden Freitag von 15 bis 18 Uhr am Wikingerufer 9 a probt. Diesmal hat eine Sängerin einen Geburtstagskuchen spendiert, und Levian Melikian bringt Kaffee und Mineralwasser aus der kleinen Küche des Gemeindesaals. Der 53-jährige Frührentner mit dem armenischen Namen ist Solist - im Schlager vom "Bel Ami" besingt er das "Glück bei den Frauen".

Der zweite von drei Männern im Chor darf ebenfalls allein laut werden - "O sole mio" singt Sergio Perissinotto und hat als Italiener damit keine Not. Zu den Goldis fand der 65-Jährige vor einem Jahr. Früher hätte er für so was auch keine Zeit gehabt, da betrieb er noch in Wedding eine Autowerkstatt. Ingeborg Kasan dagegen hätte schon lange Zeit gehabt, einmal wöchentlich von Friedrichshagen zur Probe nach Moabit zu fahren. Denn bevor die ehemalige Verkaufsstellenleiterin in Rente ging, war sie schon lange arbeitlos. Den Goldi-Schlagerchor hörte die 62-Jährige im "Rübezahl" am Müggelsee und war gleich begeistert.

Bei der Probe fällt eine Frau wegen ihres mit bunten Blumen reich bestickten weißen Kleides auf. Alice Nave, zehn Jahre dabei, weiß eine Geschichte zu erzählen: "Das Kleid habe ich mir vor 20 Jahren in Budapest gekauft", sagt die 75-Jährige. "Da lebte mein Mann noch, und wir haben damals gewartet, bis der letzte Stich daran fertig war." Feingemacht haben sich auch andere zur Probe - eine trägt Pink mit Blumenmuster. Von Mode hat Edith Gulitz (78) Ahnung. In einem Hutgeschäft hatte sie einst als Directrice das Sagen, so wie jetzt im Goldi-Schlagerchor: Sie führt durchs Programm, "mit viel Humor und selbstgeschriebenen Texten", schwärmen ihre Mitsängerinnen.

Nach der Pause kann der Gast noch erleben, was beim nächsten Auftritt eine Zitterpartie werden könnte, wie Michael Seilkopf sagt. Er hebt den Arm, um "Liebling, mein Herz läßt dich grüßen" einzustimmen. "Lass nicht die Tage verfließen, bald ist der Frühling dahin", heißt es da - wer könnte das überzeugter singen als der Goldi-Schlagerchor.

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