Berlin : Goldmacher

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die Alchimisten der Gegenwart

Zum Piepen, der Fall, und dabei ist der 1. April doch noch gar nicht in Sicht: Da machten zwei wortgewandte Herren einer Familie tatsächlich weis, sie könnten mittels Spezialpapier und Chemikalien jeden Geldschein verdreifachen. Und die rückte vertrauensselig einen stattlichen Betrag heraus, auf dass die lukrative Technik bewiesen werde. Unglaublich, oder? Andererseits, müssten wir nicht gerade in Berlin volles Verständnis haben? Hier hatte der Apothekergeselle Johann Friedrich Böttger vor rund 300 Jahren seine ersten Versuche gestartet, aus allerlei Zutaten Gold zu mixen. Klappte leider weder hier noch später in Sachsen – aber dort erfand der Ex-Berliner immerhin das Porzellan. Ein Produkt, mit dem sich oft, aber bei weitem nicht immer gute Goldstücke verdienen ließen, wie die wechselvolle Geschichte der KPM beweist. Doch auch in der Gegenwart wimmelt es von Alchimisten: die Pleitiers vom Neuen Markt mit ihren düpierten Freizeit-Aktionäre – erging es ihnen besser als der geneppten Familie? Die Hoffnung aufs Lottoglück, der Woche für Woche Unzählige erliegen – gleicht sie nicht dem Bestreben, den Stein der Weisen zu finden, der jeden Dreck zum Glänzen bringt? Schließlich die Mühsal des Berlinweiten Sparens, des Jonglierens mit den Bilanzen – ist es nicht ebenso vergeblich wie einst das Destillieren, Extrahieren und Legieren in der Alchimistenklause? Ohne fiskalische Hoffnung freilich, je wieder so etwas wie Porzellan zu erfinden.

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