Berlin : Goldwerte Notizen

Keplers Brief und Feuchtwangers Korrespondenz: SchriftstückeberühmterMenschen unterm Hammer

Lothar Heinke

„Enthaltsamkeit ist ein Vergnügen an Sachen, welche wir nicht kriegen“. Irgendwann hatte Wilhelm Busch sein Bonmot auf eine Briefkarte geschrieben, über hundert Jahre später taucht der Zweizeiler im Angebot eines Berliner Auktionshauses auf und kommt für mindestens 600 Euro unter den Hammer. Oder dieser Brief des Mathematikers Johannes Kepler. „Von größter Seltenheit“ vermerkt der Katalog zu dem um die 400 Jahre alten Schriftstück mit Keplers eigenhändig notierten Lieblingsgedanken. Bei diesem Blatt beginnt der Auktionator schon mal mit 20 000 Euro auf der nach oben offenen Bieterskala.

Noch teurer sind 256 Briefe von Lion Feuchtwanger, eine komplette Korrespondenz mit seiner geliebten Freundin Eva Boy. Mit 25 000 Euro ist man hier dabei, mindestens. Aber das sind Spitzenpreise. Zwei Ansichtskarten, die Marlene Dietrich einst beschrieben hat, könnten schon für 300 Euro den Besitzer wechseln, ein paar Worte von Curd Jürgens sind bereits für 60 Euro zu haben. Doch wer sich für Handschriftliches von Goethe, Brecht, Heine interessiert, muss mit vier- bis fünfstelligen Summen rechnen.

Kommenden Dienstag und Mittwoch treffen sich wieder die Sammler von „eigenhändig geschriebenen Schriftstücken“, wie der Duden Autographen nennt. Dann breitet das 1830 in Berlin gegründete Antiquariat J. A. Stargardt im Opernpalais Unter den Linden seine Schätze aus: 1369 Angebote beschreibt der drei Pfund schwere Katalog, der sich wie ein Krimi liest, weil er die Schriften der Dichter und Denker, der Kaiser und Könige, Wissenschaftler, Künstler und Musiker quasi übersetzt und in den rechten Kontext stellt. Bei der jüngsten Auktion lag der Schätzpreis sämtlicher Angebote bei 1,3 Millionen Euro. Als der letzte Hammer gefallen war, lag der Erlös bei 1,9 Millionen. „Damit konnten wir sehr zufrieden sein“, sagt Wolfgang Mecklenburg. Mit seinem Vater Klaus leitet er das Antiquariat in der Brentanostraße, es ist seit 1885 im Familienbesitz.

Jede Auktion birgt lange vor der Versteigerung manch eine Überraschung. Diesmal kam ein Amerikaner mit einem regelrechten Schatzkoffer: Seine Großmutter, vor den Nazis emigriert, hatte selbst Autographen gesammelt, „viel Kleinkram, aber auch Sachen, bei denen die Wissenschaft Kopf steht“: Zum Beispiel einen unbekannten Brief Christoph Martin Wielands an Johann Gottfried Seume vom 10. April 1809. Oder ein bislang unbekanntes Manuskript Wilhelm von Humboldts, seine „alphabetisch geordnete Chronologie der antiken Geschichte“. Mecklenburg fand dies Blatt in einem Katalog von 1923 – damals hatte das die Sammlerin ersteigert. Nun ist es mindestens 12 000 Euro wert.

Woher kommen die Angebote? „Gefunden, geerbt, entdeckt“, sagt Wolfgang Mecklenburg, „Enkel geben die gesammelten Werke ihrer Vorfahren wieder in den Kreislauf, und Dachbodenfunde gibt es ebenfalls“. Aber auch Zufälle: Jemand entdeckt auf einem Flohmarkt eine Ansichtskarte, die Rainer Maria Rilke aus dem Urlaub geschrieben hat, erwirbt sie für zwei Euro bei dem ahnungslosen Händler – und erlöst bei der Auktion fast das Tausendfache. Mal sehen, wie viel eine mit roter Tinte geschriebene Anweisung Lenins vom Mai 1919 bringt. Oder Chrustschows scharfe Hinweise an eine ukrainische Kolchose („Besondere Aufmerksamkeit ist auf die rechtzeitige Ernte von Zuckerrüben, Mais und anderen Feldprodukten für Viehfutter zu richten“). Aus dem Besitz der Stalin-Tochter Swetlana stammt eine scherzhafte Antwort des Diktators, der sich als „Sekretär von Setanka, der Hausfrau“ bezeichnet.

Und wer kauft? Für Klassiker der Musik und Literatur interessieren sich Bibliotheken, Händler und Archive einerseits sowie private Sammler. Die Wirtschaftsflaute trifft derzeit vor allem Museen und Bibliotheken, nicht so sehr Privatleute. Die lassen sich den Spaß an ihrer Leidenschaft nicht verderben. Man braucht eben Dinge zu Freude und Genugtuung.

Autographen-Auktion, 23. und 24. November, 10 Uhr, Opernpalais, Unter den Linden 5, Besichtigung Montag, 22. November, von 10 bis 18 Uhr, Infos: 882 25 42

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