Google Street View : London ist zwar neblig, aber nicht verpixelt

In den vergangenen Tagen bin ich durch die Google-Straßen des virtuellen Berlins gelaufen und habe die vielen Berliner verwünscht, die ihre Häuser „geschützt“ haben. Was steckt hinter dieser Besessenheit?

Mark Espiner
"Jetzt weiß ich endlich, wer seinen blöden Köter immer in unseren Vorgarten kacken lässt!" Leser Simon Peters schickte uns dieses Foto aus Schöneberg, im Original auf Street View ist die Person unverpixelt. Aus Gründlichkeit haben wir den kleinen Missetäter auf der Wiese gleich mit unkenntlich gemacht.Weitere Bilder anzeigen
Screenshot: Google Street View
22.11.2010 10:45"Jetzt weiß ich endlich, wer seinen blöden Köter immer in unseren Vorgarten kacken lässt!" Leser Simon Peters schickte uns dieses...

Gestern wachte ich in einem nebligen Berlin auf. Der Fernsehturm war verschwunden. Alles war mit Nebel bedeckt. Für einen Moment dachte ich, dass Google vielleicht die Kontrolle über das Wetter ergriffen hatte und die Deutschen für ihre unkluge Privatsphärenhysterie in punkto Street View bestrafte. Könnte es möglich sein, dass der multinationale Konzern den digitalen Nebel, der auf unseren Bildschirmen die Häuser von ein paar verängstigten Leuten überdeckt zum Schutz des Privaten, nun durch den echten ersetzt hat?

In den letzten paar Tagen bin ich durch die Google-Straßen des virtuellen Berlins gelaufen und habe dabei die vielen Berliner verwünscht, die ihre Häuser „geschützt“ haben, indem sie das Unternehmen zwangen, diese unscharf zu machen. Deutschlands Besessenheit mit der Verpixelung (blur mania) bewegte den amerikanischen Medienberichterstatter Jeff Jarvis, die „Germans“ ganz gewitzt auf „Blurmans“ umzutaufen. Doch Spaß beiseite, es ist schon etwas seltsam, oder? Was könnte wohl öffentlicher sein als eine Straße? Was könnte sichtbarer sein als Ihre Hausfront? Warum muss man diese privat halten?

Es ist interessant zu sehen, wie verschieden wir hier doch sind. Ich arbeitete damals beim Guardian, als Londons Street View vor einigen Jahren live ging. Jeder loggte sich auf seinem Computer ein, um seine Straße und sein Haus zu sehen. Es gab auch ein paar peinliche Momente. Die Fenster eines Kollegen waren wirklich schmutzig, ein anderer hatte etwas zu viel Müll in seinem Vorgarten, und es gab eine milde Besorgnis über die Wahrung der Privatsphäre. Die aber war so mild, dass sie sich schnell in Luft auflöste. Die meisten Leute erkannten den Nutzen sofort. Hier war eine A-Z Karte der Stadt auf Straßenebene. Es war ein Navigationsmittel.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir niemand ein, der es auch nur in Erwägung zog, sein Haus zu verpixeln. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass diese Option überhaupt angeboten wurde. Ich denke nicht. London hat zwar den Ruf einer nebligen Stadt, aber im Vergleich zu Berlin gibt es eine ganz, ganz klare Street View.

Ich empfand Google‘s Innovation vom ersten Moment an als nützlich. Wenn ich jemand in einem mir unbekannten Pub oder Club treffen sollte, dann sah ich auf Street View nach, wonach ich suchen musste. Und wenn ich mich für einen Stadtteil interessierte, in dem ich zuvor noch nie gewesen war, konnte ich dorthin gehen, ohne mich in die U-Bahn zu quetschen.

Ich war so auf diese Vorteile eingestellt, dass es wirklich frustrierend war, als ich beschloss nach Berlin zu ziehen. Es war mir nicht möglich, von meiner Londoner Wohnung aus ein Gefühl für die verschiedenen Stadteile zu bekommen. Und seit ich hierhergezogen bin und nochmal über einen Wohnungswechsel nachgedacht habe, war ich ebenso erzürnt darüber, dass ich nicht schon vorab die neue Straße ansehen konnte, bevor ich mich auf den langen Weg machte, nur um festzustellen, dass es kein grüner Kiez sondern eher ein scheußlich vermüllter Ort war.

Natürlich haben Sie sicherlich gute Gründe dafür, kamerascheu zu sein – und misstrauisch gegenüber jeglicher Eindringung in die Privatsphäre. Als ich jedoch eine schnelle virtuelle Tour durch die ehemalige Stasi-Hochburg Lichtenberg unternahm, war ich überrascht, dort weniger verpixelte Häuser anzufinden, als ich gedacht habe.

Andererseits verstehe ich es auch. Ich habe mehr als nur einmal darüber geschrieben, dass ich Überwachung und CCTV Kameras ablehne. Aber Ihre Vernebelung der Gebäude vernebelt die eigentliche Sache. Was sicherlich viel wichtiger ist, ist die Sorge um die Leute, die von den Kameras überrascht wurden. Haben sie den Mann in Frankreich gesehen, der gerade aus einem Sex-Shop kommt und trotz seines verwischten Gesichts immer noch ziemlich einfach zu identifizieren ist? Oder der nackte Mann im Kofferraum seines Autos? Peinliche Momente, für immer festgehalten in der digitalen Welt. Blogger haben bereits damit begonnen, die lustigsten, meist verstörenden oder kunstvollsten Momente von Street View zu sammeln.

Ich war auch selbst ein Opfer – fotografiert bei einem Recherchetrip nach Italien. Hier ist ein Screenshot von mir in Sienna (Ich bin der im roten T-Shirt mit Cowboyhut). Es war seltsam, von einem Typen in einer Google-Rickscha mit Kamera verfolgt zu werden (kein Auto konnte durch diese Straßen fahren). Ich fühlte mich beobachtet. Das war nicht schön.

Was wir sicherlich wissen müssen, ist, wann die Street View Kameras ihre Aufnahmen in einer Gegend machen, so dass wir sie vermeiden können – oder das beste daraus machen, wie dieser Typ. In Italien müssen die Leute drei Tage zuvor gewarnt werden. Wenn man diese Regelung hier hätte, dann könnte man seinen eigenen Street View-Protest organisieren (darin sind Sie ja eh schon gut), was dann von Google festgehalten wird und von Millionen gesehen werden kann, oder Sie nutzen es als Kunstprojekt (worin die Berliner auch gut sind).

Aber auch das bedeutet eigentlich in die falsche Richtung zu schauen. Wenn Sie es nicht schon wissen, Googles Kameras haben auch eine große Menge an persönlichen Daten aufgesaugt, während sie durch Ihre Straßen fuhren. In manchen Fällen E-Mails, Passwörter und mehr. Sie haben diese Daten immer noch. Und benutzen Sie nicht auch Google tagtäglich? Es weiß, wonach Sie gesucht haben und noch viel mehr – aber das scheint Ihnen keine Probleme zu machen. Anstatt also sicherzustellen, dass Ihr Haus hübsch verpixelt im Internet steht und das sowieso jeder in Echt sehen kann, wenn er will, würde ich Google zur Löschung der privaten Daten drängen, wenn ich Sie wäre. Die Engländer haben gerade Google dazu verpflichtet, dies zu tun; es scheint mir seltsam, dass ich als Londoner Sie dazu ermutigen muss, das Gleiche zu tun.

Sie können Mark Espiner mailen unter mark@espiner.com oder ihm auf Twitter folgen @deutschmarkUK

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