Berlin : Gottesdienst im Garten: Lukas, Lazarus und die Liebe zum Nächsten

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SONNTAGS UM ZEHN

Die Kirche der evangelischen Gemeinde Magdalenen in Neukölln ist leer – dafür sind die Bänke im Gemeindegarten voll. Der Gottesdienst im Freien läutet das Gemeindefest „Jazz in the Garden“ ein, das ab Mittag gefeiert wird. Pfarrer Jürgen Fuhrmann appelliert ausdrücklich an Gott, dass das Wetter auch mitmache. Statt der Orgel spielt ein Keyboard, hinten auf einer kleinen Bühne sind ein Altar und eine Kanzel aufgebaut worden. Der Kinderchor der Gemeinde begleitet den Gottesdienst musikalisch. Um den Straßenlärm zu übertönen, behelfen sich Kinder und Pfarrer mit Mikrofonen.

Die Gemeinde zählt sowohl junge wie alte, deutsche wie eingewanderte Kirchen oder Gartenbesucher, die sich unterm Blätterdach im Gemeindegarten die Bänke teilen. Passend zum Wochenspruch „Wer Euch hört, der hört mich“ singen die Kinder von Gott, „der Himmel und Erde gemacht hat“ und von den Kindern dieser Welt, die von Herzen voller Liebe und Wärme träumen. Ein Auszug aus dem Brief des Johannes stimmt auf die Predigt ein. „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe ist, der ist in Gott.“ Es folgt das Glaubensbekenntnis. Dann erzählt Pfarrer Jürgen Fuhrmann die Geschichte von Lazarus und dem reichen Mann aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 16, Verse 19 bis 31. Der reiche Mann, der sich sein Leben über in Purpur kleidet und Feste feiert, und der arme Lazarus, der mit Geschwüren vor dessen Tür liegt und sich mit Hunden Essensreste teilt, sterben zur gleichen Zeit. Der reiche Mann kommt in die Hölle, Lazarus wird von Engeln in den Himmel getragen und steigt auf in Abrahams Schoß. Der Reiche erkennt Lazarus aus der Ferne und bittet Abraham, diesen noch einmal auf die Erde zu schicken, damit er den Brüdern des Reichen den rechten Weg weise. Abraham sagt nein: Die Brüder müssten schon auf Moses und die Propheten hören.

Nicht Reichtum oder Armut seien Ursache von Fluch oder Ruhm, erklärt Pfarrer Jürgen Fuhrmann. Die Geschichte von Lazarus sei auch nicht als späte Rache eines Armen oder gewissensbereinigender Bericht eines Wohlhabenden zu verstehen. Sondern: Dem Reichen habe das Wesentliche gefehlt, die Liebe zum Nächsten. Die Hölle sei nicht Feuer, sondern die Erkenntnis, sein Leben verfehlt zu haben. Reich hätte der Mann ruhig sein können. Dass er aber sein Leben lang sorglos Feste feierte, während vor seiner Tür Lazarus hungerte, habe ihn das Himmelreich gekostet.

Der reiche Mann hat sich der Gedankenlosigkeit schuldig gemacht. Das tun wir auch, wenn wir am Bettler auf der Straße vorbeieilen oder einem alten Menschen nicht über die Straße helfen. Doch sei es für uns Menschen nicht zu spät, unsere Situation zu überdenken und umzukehren. Auf seinen Nächsten achten, das könne jeder. Und so denkt Pfarrer Fuhrmann in seiner Fürbitte nicht nur an Arme und Kranke, sondern auch an Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft: Sie sollen die Kraft finden, zum Wohle aller Menschen und der Erhaltung der Schöpfung zu handeln.

Nach dem Gottesdienst ist dann auch die Nächstenliebe der Gemeinde gefragt: Das Jazz-Fest kostet Eintritt, es gibt aber keine Kontrolle. Der Pfarrer ist sich sicher: Mit einer Eintrittskarte und gutem Gewissen macht das Fest dreimal so viel Spaß. cof

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