Gottesdienst in Berlin-Mariendorf : Bereitschaft zur Nächstenliebe gefordert

In der Katholischen Kirche Maria Frieden in Mariendorf fordert der Pfarrer auf, sich Gedanken über andere zu machen.

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Unter dem Aspekt der Nächstenliebe wurde der Gottesdienst gehalten.
Unter dem Aspekt der Nächstenliebe wurde der Gottesdienst gehalten.Foto: dpa

Das kann jetzt aber nicht sein, es ist doch nicht möglich, dass die Tür geschlossen ist. Sie hört doch die Gesänge, sie hört doch die Orgel, sie hört doch, dass der Gottesdienst schon begonnen hat. Aber die ältere Dame kommt nicht in die Kirche der Katholischen Gemeinde Maria Frieden in Mariendorf. Es dauert, bis sie erkennt, dass sie am falschen Flügel der Tür zieht. Rechts ist geschlossen, links offen. Ein Kirchgänger hilft.

Und am Altar steht schon Pfarrer Horst Herrfurth und redet über das Thema, das diesen Gottesdienst bestimmen wird: Familie, das Miteinander, das Verständnis für den Nächsten. Aber dieses Verständnis, das sagt er gleich zu  Beginn, habe man ja leider in diesen Tagen wohl nicht immer feststellen können. Das ist alles andere als ein salbungsvoller Beginn der Messe, aber er regt zum Nachdenken an.

Es ist 9.30 Uhr, die Kirche ist halbvoll, viele ältere, einige junge Menschen, und sie alle senken den Kopf, als Herrfurth sagt: „Wenn wir selber nicht zum Guten beigetragen haben, wollen wir gemeinsam um Erbarmen bitten.“ Herrfurth ist ein würdiger, älterer Herr, grau meliert, eigentlich schon im Ruhestand, vor allem aber hat er nicht die Angewohnheit, ins Mikrofon zu schreien. Das erleichtert das Zuhören ungemein.

Warum habt ihr mich gesucht?

Angenehm ruhig liest Herrfurth aus dem Evangelium nach Lukas, das zweite Kapitel, passend zum Thema Verständnis und Aufmerksamkeit für Mitmenschen. Lukas erzählt, wie Maria und Josef mit ihrem Kind Jesus das Passahfest in Jerusalem besuchten.

Als sie wieder nach Hause gingen, blieb Jesus in Jerusalem zurück. Maria und Josef aber dachten, ihr Sohn sei in der Menge, die mit ihnen zurück strömte. Sie bemerkten ihren Irrtum, suchten drei Tage und fanden Jesus im Tempel. Er saß unter den Lehrern, hörte zu oder fragte. „Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten“, schreibt Lukas. Die aufgeregte Maria fragte: „Mein Sohn, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“ Jesus antwortete: „Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“

Für Pfarrer Herrfurth der Kernsatz an diesem Tag, der Kernsatz bei seiner Predigt. Er überträgt die jahrtausendealte Geschichte ins 21. Jahrhundert, ins Jahr 2015. „Ist es nicht auch so in unserem Alltag? Wir verstehen den anderen nicht.“ Oft versuche man auch gar nicht, den anderen zu verstehen, die Frage zu stellen: Was bewegt ihn? Was treibt ihn um? Warum reagiert jemand so wie er reagiert? „Wir müssen in unserem Alltag aufmerksamer werden“, predigt Herrfurth.

Herrfurth gibt ein „Stück Antwort“ auf die Frage, wie man diesen Blick für den Nächsten bekommen kann. „Ein Stück Antwort“ sagt er zweimal, als wolle er besonders betonen, dass er keine umfassende Antwort bieten kann. „Ein Stück Antwort“ also „ist für den, der glaubt, das Wort Gottes“. Gott lasse sich finden „von dem, der ihn sucht“. Von dem, der es schafft, außerhalb der eigenen Grenzen zu blicken. „Wir können ihn finden“, sagt Herrfurth.

Besinnliche Stimmung

Und damit auch andere ihn finden, gelten die Fürbitten auch Menschen mit Verantwortung. „Wir bitten dich, Politiker und Menschen aus der Wirtschaft zu Entscheidungen zu bewegen, die unsere Familien unterstützen“, betet die Menge.

Dann stimmt sie in das Lied „Ihr Kinderlein kommet“ ein. Alles verdichtet sich in diesem Moment zu einer besonders besinnlichen Stimmung. Vor dem Altar ist eine Krippe aufgebaut, an einer Seitenwand hängt ein großer roter Adventskalender mit Bildern, ein meterhoher Tannenbaum stößt mit seiner Spitze fast an die Decke, die Orgel erfüllt den ganzen Raum, und für ein paar Sekunden ist es leicht, die nüchterne Atmosphäre zu vergessen, die diese Kirche architektonisch verbreitet. Ein Zweckbau mit strenger Geometrie, der Kirchturm ragt wie eine Nadel in die Höhe, viel Beton, viel grau, die Fenster nicht mehr als Schlitze.

Und dazu kommt in der ganzen Messe die glockenhelle, wunderbare Stimme einer Frau, die auf der Empore zeitweise solo singt. Ihr Lied „Halleluja“ ist einer der Höhepunkte der Messe. Aber nicht bloß der Gesang entzückt die Zuhörer. Pfarrer Herrfurth hat die Messe Minuten zuvor beendet, da verhallen langsam die letzten Töne der Orgel. Und unten, vor dem Altar, stehen Menschen und klatschen.

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