• Gotteshaus als "belagerte Burg" - zehn Jahre nach den Mahnwachen gegen den SED-Staat treffen sich Bürgerrechtler wieder

Berlin : Gotteshaus als "belagerte Burg" - zehn Jahre nach den Mahnwachen gegen den SED-Staat treffen sich Bürgerrechtler wieder

Robert Ide

Als die Besucher die Gethsemanekirche betraten, schlug ihnen wie in den Wendetagen 1989 die herbstliche Kälte des mehr als 100 Jahre alten Klinkerbaus entgegen. Trotz frostiger Temperaturen pilgerten am Donnerstagabend hunderte Menschen ins Gotteshaus. Sie waren zum Gedenken an die legendären Mahnwachen gekommen, die diesen Ort vor zehn Jahren zu einem Kristallisationspunkt der DDR-Opposition gemacht hatten. Auf Einladung der Robert-Havemann-Gesellschaft und des Christoph-Links-Verlages lauschten sie Erinnerungen von damaligen Aktivisten.

Einer der Mitinitiatoren der Mahnwachen, Frank Ebert, eröffnete die Diskussion. Als 19-Jähriger hatte er zwei Wochen in der Kirche ausgeharrt, um für die Freilassung aller politischen Gefangenen zu demonstrieren. Der Maschinenbauer, der seit 1988 in der naheliegenden Umweltbibliothek die illegale Zeitschrift "Umweltblätter" gedruckt hatte, fühlte sich angesichts immer häufigerer Festnahmen von Freunden "zur Tat aufgerufen". Vom 1. Oktober 1989 an saß er rund um die Uhr in der Kirche und gab westlichen Korrespondenten "tonnenweise Interviews". In der restlichen Zeit malte er Transparente, organisierte Veranstaltungen und telefonierte mit anderen Oppositionellen. "Wir kamen kaum zum Schlafen", erinnert sich Ebert. Die Solidarität der Bevölkerung, die mit Kerzen in den Fenstern gegen den SED-Staat demonstrierte, gab den Bürgerrechtlern neue Kraft. Jeden Tag seien Unbekannte vorbeigekommen, brachten Lebensmittel vorbei und boten Hilfe an. Einmal brachte ein West-Berliner sogar Marihuana mit - "für die Nerven".

Derweil drückten sich Legionen von Stasi-Bewachern um die Straßenecken am Prenzlauer Berg. Die Gethsemane-Gemeinde wurde zur "belagerten Burg", so Christoph Links. Am 7. und 8. Oktober 1989 kam es zu Prügelorgien von Polizei und Stasi gegen friedliche Demonstranten. Anlass bot ein Protestzug von mehreren tausend Menschen durch die Ost-Berliner Innenstadt am 40. Gründungstag der DDR. MfS-Chef Mielke gab am späten Abend den Befehl zum Losschlagen. "Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus", hatte er nach der Abreise des sowjetischen Staatsgastes Michail Gorbatschow geschäumt. Mehr als 1000 Menschen wurden im Laufe der Nacht festgenommen und an "Zuführungspunkte" verschleppt. Im nahegelegenen Kino "Collosseum" wurden sie mit Gewalt festgehalten, in der Polizeiwache Immanuelkirchstraße auch verprügelt. "Wir verspürten Angst und Hilflosigkeit", erzählt Evelyn Zupke, die in dieser Nacht am oppositionellen "Kontakttelefon" saß, um die schlechten Nachrichten in die Republik hinauszurufen.

Als sich am nächsten Tag die Prügelorgie auf der Schönhauser Allee wiederholte, wollte auch die Kirche nicht mehr stillhalten. Vom Turm der "Gethsemane" läuteten die Glocken zum Sturmgeläut. Pfarrer Werner Widrat hatte das nicht veranlasst: "Ich glaube, das war unser Hausmeister."

Nach 90 wärmenden Minuten verließen die Zuhörer applaudierend den kühlen Ort. Viele tranken noch ein Bier auf den 50. Gründungstag der untergegangenen DDR.

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