Berlin : Gotteshaus: Nach Mekka ausgerichtet

Ole Töns

Die Autokolonnen auf dem Columbiadamm sind nur wenige Schritte entfernt. Doch wäre da nicht das Echo nasser Reifen zwischen Bögen, Säulen, Nischen und spitzgiebeligen Fenstern unter der weiten Kuppel in 15 Metern Höhe, es könnten mehrere Flugstunden sein. "Bis zur Galerie wird die bunte Keramik reichen, in der gewölbten Rundung darüber werden religiöse Sprüche in arabischer Kalligraphie stehen", sagt Ismail Tanriver und blickt auf den nackten Beton. Der Vorsitzende des Vereins "Sehitlik Türkisch Islamische Gemeinde zu Neukölln" steht in feinem Loden, Hemd und Krawatte zwischen Schalholz, Mauersteinen und Baugerüsten. Er hat vor Augen, woran hier seit über zwei Jahren allein mit Spendenmitteln gebaut wird: "Vielleicht die größte Moschee Berlins" - genau will er sich nicht festlegen - vor allem aber die schönste und die bisher einzige mit richtigen Minaretten, ausgerichtet nach Mekka. Augenblicke später, eine Treppe tiefer kniet Ismail Tanriver auf beheiztem Teppichboden neben vielen anderen Gläubigen.

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Rascheln und Murmeln beherrscht den Raum. Jeder betet für sich allein. Erst nach den durchdringenden Rufen des Muezzins ordnen sich die Reihen: Gebete, Stille, Aufstehen, Niederbeugen, Stirn am Boden. Ein gemeinsamer Rhythmus stellt sich ein. Wenn Hunderte gleichzeitig auf die Knie fallen, klingt das verhalten, aber machtvoll. Weit über 600 Gläubige sollen Platz finden, wenn alles einmal fertig ist, mit mehreren Etagen und eigenen Räumen für die Frauen. Schon jetzt treffen sich fast ebenso viele Gläubige aus ganz Berlin zum Freitagsgebet. Die Moschee an der Hasenheide könne die bedeutendste Berlins werden, sagt Husseyin Midik vom Dachverband der Türkisch-Islamischen Union Berlin. Wie die meisten, die in ihrer Freizeit Stück für Stück an dem gemeinsamen Gotteshaus weiterbauen, übernimmt Tanriver als Vorsitzender des rund 250 Mitglieder zählenden Trägervereins der Moschee, Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Gästeführungen ehrenamtlich. Sein Geld verdient der Mittvierziger mit einer Obst- und Gemüsehandlung in Lichtenberg. Er ist jünger als die meisten der Männer, die oft auch in der Woche in der kleinen, neonbeleuchteten Teestube der Moschee sitzen. Sehr genau beobachten die Männer die Reaktion, als Tanriver vor dem Rohbau der Moschee betont: "Das alles hier wird noch viel schöner." Als könnten daran Zweifel aufkommen. Es ist ihre Moschee. Nur wo es unbedingt nötig ist, werden Fachleute zur Hilfe geholt. Fast eine Millionen Mark sind durch Spenden zusammengekommen. Gebaut wird, wenn Geld da ist. Wann alles fertig ist, kann Tanriver deshalb nicht genau sagen, in zwei, drei Jahren vielleicht. Rund vier Millionen Mark würden noch gebraucht, schätzt er. Draußen ragen die beiden Minarette, die einmal fast 30 Meter hoch werden sollen, noch stumpf in den grauen Himmel. Sie waren noch höher geplant. Aber das genehmigte das Neuköllner Bauamt nicht. "Schade", findet Tanriver, "dabei ist das mit schlanken Minaretten wie mit der Motorhaube eines Sportwagens: wenn man kürzt, sieht es nach nichts mehr aus." Die Männer lächeln. Es ist ihre Moschee.

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