Berlin : Gottfried und Gerhard Gad (Geb. 1933 / 1974)

So begeisterunsfähig der Vater, so zuversichtlich der Sohn.

Anne Jelena Schulte

Die bettelnden Mädchen in den Bars von Sri Lanka, die Elendshütten in Afrika, Gerhard Gad hat viel erzählt von seinen Reisen. Nach den Erzählungen folgte eine kurze Pause und dann die immer wieder neu gewonnene Erkenntnis, wie gut es ihm selber ging.

Sein Vater, Gottfried Gad, musste nicht reisen, um Hunger und Elend kennenzulernen. Nie hat er die Bombenkrater vergessen, in denen Häuser und Menschen aus der Kleinmachnower Nachbarschaft begraben lagen, nie die Flucht mit den sieben Geschwistern und der „halbjüdischen“ Mutter nach Pommern, nie die Entbehrungen der Nachkriegsjahre.

Die Erfahrungen schärften seinen Blick für das Schöne. Zum Beispiel für diesen LKW, mit dem er als junger Mann Getränke ausfuhr, um sich das Studium der Physik und der Chemie zu finanzieren. Manchmal durfte er die Kutsche über Nacht behalten und die Verabredung darin spazieren fahren!

Unglücklich war Gottfried Gad nur, wenn sein freundlicher Blick auf die Welt nicht gebilligt wurde, wie er es zum Beispiel als Ingenieur beim Patentamt erfuhr. „So viele schöne Erfindungen!“, hörte man ihn in dieser Zeit oft seufzen. Gerne hätte er Komplimente ausgesprochen, ermutigt, weiterentwickelt. Stattdessen war er beauftragt, das Amt vor dem Übereifer der Bastler zu schützen, also möglichst viele streng begründete Absagen zu verfassen.

Rettung brachte die Idee eines Freundes, es als Lehrer zu versuchen. Die Schüler mochten den Naturwissenschaftler mit dem runden Gesicht und den großen Augen, der hinter der Glasscheibe eindrucksvolle Spektakel veranstaltete. Bunte Dämpfe ließ er aufsteigen, schoss mit Flammen und Lichtstrahlen umher, legte Blüten in Stickstoff, um sie dann mit einem Hammer in 100 Scherben zu zerschlagen: Voilà, die Macht der Wissenschaft, das Wunder der Natur!

In seiner Freizeit lichtete er Menschen und Pflanzen ab und leitete an der Schule die Foto-AG. Er betrieb die Fotografie wie ein Schmetterlingsfänger, immer auf der Jagd nach dem Schönen.

Die Begeisterungsfähigkeit des Herrn Gad sprang nicht nur über auf die Schüler, sondern auch auf den Sohn Gerhard. Hungrig auf die Welt war der Kleine von Anfang an. Einen Monat zu früh wurde er geboren.

Gerhard wuchs zu einem so sensiblen wie ehrgeizigen Kind heran. Hochkomplexe Schienennetze konstruierte er in seinem Zimmer und baute ganze Landschaften aus Lego. Zärtlich liebte er seine fünf Jahre jüngere Schwester, hüpfte auf Familienausflügen wie ein Herdenhündchen umher, streng darauf achtend, dass die Kleine nicht zu weit zurückblieb. Am besten gefiel ihm die Welt in Österreich, dem Land seiner Mutter, wo das Essen besser schmeckte und die Natur sich selbstbewusster benahm als in Berlin.

Je älter er wurde, desto deutlicher grub sich ein spitzbübisches Lächeln in Gerhards Gesicht, und Wissbegier und Lebenslust trieben ihn bald auf Wege, die herausführten aus der Wohlstandswelt.

Sein Ehrgeiz fuhr mit. Mit 29 hatte er alle Kontinente bereist, war im Besitz des Doktortitels und Projektleiter von Venro, einem Verband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen.

Er stand früh auf, ging spät zu Bett und sauste in der Zwischenzeit von einem Termin zum nächsten. Doktor Gad hielt Vorträge über Entwicklungshilfe für Vereine, Universitäten und Wirtschaftsunternehmen, sichtete und publizierte neue Forschungsergebnisse, verwickelte die Leute auf der Straße in Gespräche und konnte gar nicht fassen, wie gemächlich andere durchs Leben gingen.

Die schienen darauf zu warten, wachgerüttelt zu werden, er wollte ihnen den Gefallen tun. Dafür durfte man nicht zu leise sein, dachte er sich, organisierte mit Herbert Grönemeyer die Aktion „Deine Stimme gegen Armut“, plante mit Bekannten ganzseitige Spiegel-Anzeigen, um die Politik an ihre Versprechungen zur Armutsbekämpfung zu erinnern, und engagierte sich ehrenamtlich für einen Verein namens „World Toilet Organisation“.

Gut fand er es, dass die Leute bei der Nennung dieses Namens zu grinsen begannen, ein Zeichen, dass die Gehörgänge geöffnet waren und bereit, Informationen über die Notwendigkeit eines weltweiten Abwassersystems aufzunehmen.

Im Büro erschien Gerhard im gebügelten Hemd. Er definierte sich nicht als Aussteiger oder Träumer, sondern eher als Manager der guten Tat: Er stritt für billige HIV-Medikamente, für die Abschaffung von Agrarsubventionen in G-8-Ländern und für Beteiligung privater Unternehmen an der Entwicklungshilfe.

In der Sprache und mit den Methoden des modernen Unternehmertums arbeitete Gerhard Gad für eine gerechtere Welt, ließ sich „Weltverbesserer“ nennen, ohne sich um den süffisanten Unterton zu kümmern.

In letzter Zeit aber rückten auch die kleineren Welten wieder mehr und mehr in sein Bewusstsein. Ein Kind zu bekommen, sagte er zu seiner Freundin, das könne er sich gut vorstellen.

Als der Vater seiner Krebserkrankung erlag, wandte sich Gerhard wieder ganz der Familie zu, so wie in seiner Kindheit. In den Tagen darauf übernachtete er bei der Mutter, fuhr mit ihr und den Geschwistern nach Österreich, kümmerte sich darum, dass die Schwester einen Praktikumsplatz bekam.

An einem Morgen, neun Tage nach dem Tod des Vaters, brach er zusammen. Eine Gehirnblutung, meinten die Ärzte.

So sind sie gemeinsam gegangen, Vater und Sohn, die in so unterschiedlichen Welten groß wurden, und die doch aus der gleichen Motivation heraus handelten: Der Lust am Forschen und der zuversichtlichen Betrachtung der Welt, so elend sie sich manchmal auch ausnehmen mag. Anne Jelena Schulte

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