Gottloses Berlin? : Bischof: Der Papst soll die Berliner missionieren

Freiwilliger Religionsunterricht, kommunistisches Erbe: Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller macht sich Sorgen um das Seelenheil in der Hauptstadt. Ein Papstbesuch zum 20. Jahrestag des Mauerfalls könnte ein wichtiger Impuls für das "große Missionsfeld" Berlin sein, so Müller.

G,a Bartels
Bischof Gerhard Ludwig Müller
Gerhard Ludwig Müller. Der Bischof aus Regensburg sieht in Berlin ein "großes Missionsfeld". -Foto: dpa

Berlin/RegensburgAm Sonntag erinnern in Berlin viele Gedenkveranstaltungen an den 19. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November. Im bayrischen Regensburg ist man schon ein Jahr weiter: Bischof Gerhard Ludwig Müller – konservativer Glaubenshüter und Freund starker Worte – wünscht sich für den 20. Jahrestag einen Besuch des Papstes in der Hauptstadt. Berlin sei ein „großes Missionsfeld“, sagte er – angesichts „antikirchlicher Töne“, die im rot-rot regierten Berlin immer wieder von „weltanschaulichen Gruppierungen, die noch mit der alten kommunistischen Ära verbunden sind“, zu hören seien. Den Bischof ärgert auch, dass Religion in Berlin kein reguläres Schulfach ist. Ein Besuch von Papst Benedikt XVI. in „ein solches Milieu hinein“ sei da „doch schon ganz gut“.

Auf einen Papst-Besuch freut sich auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, sagt sein Sprecher Richard Meng. Ein konkretes Datum gebe es bisher aber nicht. Ansonsten reagiere man auf schroffe Töne und Pauschalvorwürfe einzelner Bischöfe aus der bayerischen Provinz mit großer Gelassenheit. Die Stadt lebe von Toleranz und weltanschaulicher Vielfalt. Klaus Lederer, Chef der Berliner Linken, meint: „Wir Berliner Heiden sind weltoffen und tolerant gegenüber Religionen.“ Das gelte auch für den Papst. Beim nächsten Christopher Street Day könne Benedikt XVI. hier gelebte Toleranz erleben, und ein Berlin-Besuch im Sommer sei ohnehin schöner.

Dass Berlin gottlos sei, hat vor Jahren schon Kardinal Joachim Meisner behauptet. Als ehemaliger Berliner Bischof verließ er die Stadt vor dem Mauerfall in Richtung Köln. Sein Nachfolger Georg Sterzinsky mochte dem damals nicht zustimmen. Auch jetzt halten weder Erzbistumssprecher Stefan Förner noch Volker Jastrzembski von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) Berlin für eine gottlose Stadt. Einen Papstbesuch im kommenden Jahr würde Förner begrüßen: „Der Papst tut immer gut.“ Große Missionsarbeit haben Berlins Katholiken aber nicht nötig. „Wir sind das einzige Erzbistum Deutschlands mit steigenden Mitgliederzahlen“, sagt Förner. Durch Zuzug von Katholiken ist deren Zahl von 305 000 im Jahr 1999 auf heute 318 000 gewachsen.

Direkt kommentieren möchte Förner die Äußerungen des Regensburger Bischofs ebenso wenig wie sein evangelischer Kollege Jastrzembski. Dort ging die Mitgliederzahl von 1,165 Millionen im Jahr 2006 auf 1,14 Millionen 2007 zurück. „Das ist der demografische Faktor“, erklärt der EKBO-Sprecher. Er stellt trotz der Kirchenferne der Berliner eine Wiederkehr der Religion fest. Dafür sprechen Gemeindeneugründungen und volle Kirchen in Prenzlauer Berg und im Umland.

Ähnlich sieht es auch Axel Nehlsen vom Netzwerk „Gemeinsam für Berlin“, in dem viele evangelikale Christen organisiert sind. Das Etikett eines gottlosen Berlins hält er für falsch. Allerdings hätten 40 Jahre atheistischer Erziehung im Ostteil der Stadt ihre Spuren hinterlassen.

Eine erläuternde Stellungnahme des Regensburger Oberhirten zur Seelenlage der Berliner war am Freitag nicht zu erhalten. Bistumssprecher Veit Neumann legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass Müllers Papst-Einladung nur ein Wunsch sei.

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