Berlin : Grabräuber plündern Berliner Friedhöfe

Polizei ist von zahlreichen Diebstählen alarmiert. Täter entwenden schwere Bronze-Büsten oder Marmor-Leuchter von historischen Grabstellen

Werner Schmidt

Sie fahren mit der Sackkarre auf die Friedhöfe und schaffen weg, was ihnen wertvoll erscheint: Marmor-Leuchter, Steinhelme oder Bronzebüsten. Seit Wochen registriert die Polizei eine steigende Zahl von Diebstählen auf Friedhöfen. Betroffen waren bisher hauptsächlich denkmalgeschützte Grabstätten bedeutender Persönlichkeiten. Eine Spur von den Dieben und deren Beute gibt es aber nicht.

Vom Grab des Ingenieurs und Unternehmers Carl Hofmann (1836-1916) auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof an der Großgörschenstraße in Schöneberg entwendeten die Diebe beispielsweise zwei Marmorleuchter – Gewicht etwa 50 Kilo. Der Friedhof war seit Oktober 2004 bereits drei Mal Ziel von Dieben. Vom Grab des Kaufmanns Ferdinand Ludwig Schemionek (1817-1883) stahlen sie ein 120 Kilo schweres Marmormedaillon. Auf dem St. Matthäus-Friedhof sind unter anderem die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sowie der Mediziner Rudolf Virchow beerdigt. Es war nicht der einzige Friedhof, auf dem sich die Diebe bedienten. Zurück ließen sie lediglich die Sackkarre, ein Paar Arbeitshandschuhe und drei Gepäckgummis.

Eine Replik der Büste des Komponisten und Begründers der Singakademie Berlin Carl Friedrich Fasch (1736-1800) verschwand vom Friedhof „Jerusalem und Neue Kirche I“ am Mehringdamm in Kreuzberg. Die Büste war zur Restaurierung des Grabes Mitte der 80er Jahre geschaffen worden. Der Sachschaden wird mit rund 15000 Euro beziffert, der ideelle Schaden ist dagegen nicht abzuschätzen.

Die Polizei hat bisher keinen Hinweis auf die Diebe. Nach Einschätzung von Andreas Grabinski vom Landeskriminalamt sind es vermutlich „Täter, die mit Altertümern und Antiquitäten“ schnell und gefahrlos Geld zu machen hoffen. Ob sie im Auftrag arbeiten oder die Skulpturen und Büsten irgendwo auf Flohmärkten anbieten, weiß Grabinski nicht. Aber er kann sich durchaus vorstellen, dass sich Liebhaber die Stein- und Bronzestatuen in den Garten stellen.

Fünf Diebstähle von Friedhöfen seien in den vergangenen drei Wochen angezeigt worden. Grabinski schätzt, dass es weit mehr Fälle gibt. Denn nicht immer falle sofort auf, dass an einer Grabstelle etwas entwendet worden sei. Und viele Möglichkeiten, die Friedhöfe gegen Diebstähle zu sichern, gibt es auch nicht. Am Tag sind sie geöffnet, die Täter können sich in aller Ruhe ihre Beute auswählen. Nachts sind die Tore zu den Friedhöfen zwar normalerweise verschlossen, aber ein Hindernis stellen die verschlossenen Pforten nicht dar.

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