Gräber : Den Toten einen Namen - vor fünf Jahren

Zwangsarbeiter und Soldaten sind anonym begraben: Vor fünf Jahren wollte Helmut Sprenger ihnen eine Identität geben. Was Christian Helten darüber schrieb.

Christian Helten
Nicht vergessen. Sprenger auf dem Hedwig -Friedhof in Hohenschönhausen. Foto: Zinken
Nicht vergessen. Sprenger auf dem Hedwig -Friedhof in Hohenschönhausen. Foto: ZinkenFoto: Paul Zinken

Helmut Sprenger ist ein Mensch, der sich nicht so schnell abwimmeln lässt. Manch einer, der mit ihm zu tun hat, bezeichnet ihn gar als penetrant. „Wenn ich an einer Sache dran bin, geb ich eben keine Ruhe“, sagt er. In der Ledertasche, die der Rentner über den St.-Hedwig-Friedhof in Hohenschönhausen trägt, hat er eine zentimeterdicke Mappe mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, Fotos und Briefen, die er in den vergangenen Jahren als Antworten auf sein häufiges Nachhaken bekommen hat. An den Berliner Senat hat er geschrieben und an die Friedhofsverwaltung, an die russische und die holländische Botschaft, an das Bundesfamilienministerium, sogar der damalige Bundespräsident Horst Köhler hat einen Brief von Sprenger bekommen.

Die Sache, an der Helmut Sprenger „dran“ ist, das sind die Gräber von Zwangsarbeitern und Kriegsopfern, die zwischen 1943 und 1946 auf dem St.-Hedwig-Friedhof begraben wurden. Ungefähr in der Mitte des langgezogenen Friedhofs stehen zwei unscheinbare Grabsteine, die an bisher namenlose Opfer aus Belgien und Holland erinnern. An 959 gefallene deutsche Soldaten erinnert nur ein Stein, weit hinter den riesigen Komposthaufen, auf denen die Friedhofsgärtner Äste und Laub abladen. Sprenger will, dass die Toten Grabsteine bekommen: „Die Toten haben ein Recht auf ihre Namen.“

Sprenger fand die Gräber der Soldaten und Zwangsarbeiter bei Friedhofsbesuchen eher zufällig. Seine hartnäckigen Bemühungen haben schon Früchte getragen: 2006 wurden 440 Stelen aufgestellt, je vier Namen stehen auf den grauen Steinen. Sprenger sieht zufrieden aus, wie er so im feuchten Laub steht und über das Stelenfeld blickt. Aber er kann nicht verstehen, dass die anderen Ruhestätten immer noch ohne Namen sind.

Nach dem Gräbergesetz ist das Land Berlin für das Anlegen, die Erhaltung und Pflege der Opfergräber zuständig. Die Mittel dafür stellt der Bund zur Verfügung, rund drei Millionen Euro sind im aktuellen Berliner Haushalt für etwa 90 000 Einzelgräber und 80 000 Quadratmeter Sammelgrabfläche vorgesehen.

„Eine namentliche Nennung der Opfer soll noch in diesem Jahr erfolgen“, antwortete die Senatsverwaltung auf eine Anfrage der CDU. Ob dieses Ziel eingehalten wird ist fraglich. Referatsleiterin Beate Profé sagt, dass man im Falle der 959 deutschen Soldaten kurz davor sei, den Auftrag auszuschreiben. Dass die Stelen bis Jahresende stehen, will sie nicht versprechen. „Gar keine zeitliche Prognose abgeben“ möchte sie für die übrigen Sammelgräber – hauptsächlich liegen dort Holländer und Belgier, aber auch einige Tschechen und Polen. Man sei noch dabei, „die Namen der Opfer einzeln zu überprüfen“, sagt Profé. Schreibweise, Geburtstage, das muss alles verifiziert werden. „Das ist leider eine sehr kleinteilige Arbeit, die lange dauert.“ Das liegt auch daran, dass Profé nur zwei Mitarbeiter hat, die sich mit der Aufgabe befassen.

Helmut Sprenger stellt diese Antwort nicht zufrieden. Zu oft sei er damit vertröstet worden: „Seit fünf Jahren höre ich immer dieselbe Leier!“, ärgert er sich. So lange könne das gar nicht dauern, die Namen herauszufinden. Zum Beweis holt er ein Buch aus seiner Tasche, „Niederländer und Flamen in Berlin“ lautet der Titel. Er zeigt ein Bild der Sammelgrabsteine und eine Liste der hier bestatteten Holländer. Dann wickelt er das Buch in eine Plastiktüte und steckt es in seine Tasche, zu der Mappe mit den Briefen. Es könnte sein, dass diese Mappe noch dicker wird in der nächsten Zeit. Christian Helten

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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